„Respekt und Verantwortung sind die Schlüsselwerte der Zukunft“

Kristina zur Mühlen ist Diplom-Physikerin und Wissenschaftsjournalistin. Sie moderierte Fernsehsendungen wie „nano“ (3sat) und „Q21“ (WDR) und Sprecherin der Tagesschau (ARD). Am 29. Januar gibt sie im Uelzener Theater an der Ilmenau sieben Denkanstöße.

Frau zur Mühlen, Sie haben ein Diplom in Laserphysik, arbeiten als Wissenschaftsjournalistin. Welche technische Neuerung ist für Sie das Symbol des aktuellen Wandels?
Das Smartphone – weil es unsere Art zu leben extrem beeinflusst hat. Wir benutzen es ja kaum noch zum Telefonieren. Wir erledigen alle möglichen anderen Arbeiten damit. Nicht nur die Klassiker wie mailen, surfen, fotografieren, navigieren. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass das Mobiltelefon auch als Wasserwaage dienen kann? Die App hab ich erst vor kurzem entdeckt. Das Smartphone bietet unfassbar viele Anwendungsmöglichkeiten. Dazu ist es praktisch, klein und wir haben es immer dabei.

Welche Gefahren bergen Innovationen wie das Smartphone oder Soziale Medien aus Ihrer Sicht?
Ich finde es zum Beispiel wichtig, dass man sein Smartphone auch mal beiseitelegt und ausschaltet. Wenn man sich mit Freunden trifft zum Beispiel. Ich merke das bei mir selbst: Es kostet Überwindung, nicht permanent Mails zu checken. Eine Unart, die sich irgendwie eingebürgert hat. Es kommt mir manchmal wie eine Sucht vor, denn die wenigsten schaffen es, das Handy nicht anzurühren.
Auch sollten wir uns öfter mal hinterfragen, ob das letzte Posting oder Foto im Netz wirklich notwendig war. Wir erzeugen im Internet einen unglaublichen Datenmüll. Diese Daten werden ja nicht in einer hübschen weißen Wolke gespeichert, sondern auf Servern in immer größeren Rechenzentren, die wahnsinnig energiehungrig sind. Da kommen noch große Herausforderungen auf uns zu, wenn wir diesen Energiebedarf eines Tages zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken wollen. Wahrscheinlich werden wir nicht daran vorbeikommen, sparsamer beim Generieren von neuen Daten zu sein. Wenn uns das gelingt, sind wir auf einem guten Weg. Wenn nicht, wird der Preis für Energie weiter steigen.

Was nützt es uns, wenn immer mehr Jobs durch Algorithmen ersetzt werden? Werden im selben Maße neue Jobs entstehen? Das ist für mich die Kernfrage.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sich die Welt immer schneller verändert und sie selbst nicht mehr mitkommen.
Viele haben grundsätzlich Angst vor Veränderungen. Wir Deutschen sind in dieser Beziehung ohnehin ziemlich speziell. Wir sind die Zauderer, die Skeptiker, die Chef-Bedenkenträger. Wir klammern uns an lieb gewonnene Dinge und alte Gewohnheiten. Aus Angst davor, was uns erwartet. Doch Veränderung ist Teil unseres Lebens. Das wusste schon der griechische Philosoph Heraklit vor 2.500 Jahren, als er sagte: „Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“ Das schnelle Tempo ist aber sicher eine Gefahr. Was nützt es uns, wenn immer mehr Jobs durch Algorithmen ersetzt werden? Werden im selben Maße neue Jobs entstehen? Das ist für mich die Kernfrage.

Wie lassen sich Skeptiker motivieren, der digitalen Zukunft positiv entgegen zu treten?
In der Verwaltung könnte die Digitalisierung helfen, Bürokratie abzubauen. Wenn sich die Mitarbeiterin des Jugendamtes statt um die leidigen Formulare endlich wieder um ihren eigentlich Job – die Menschen – kümmern kann, ist das ein positives Beispiel. Es gibt aber andere Beispiele, die zeigen: Der Spielball liegt auch in der Hand der Unternehmen. Sie müssen beweisen, dass sie nach vorn denken und die Mitarbeiter mitnehmen, sie für andere Aufgaben qualifizieren, ihnen neue Perspektiven aufzeigen und so weiter. Werden Mitarbeiter fallen gelassen, wie es aktuell häufig passiert, wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ängste und Wut entstehen.
Seit der Mensch existiert, hat er seinen Verstand genutzt, um Dinge zu erfinden, die ihm das Leben oder die Arbeit einfacher machen. Das ist unser ureigener Forscherdrang. Ihm ist es zu verdanken, dass wir fliegen oder Krankheiten heilen können, an denen die Menschen früher gestorben sind. Forschung ist wichtig.

Meine Vision von der Zukunft ist, dass es mehr Miteinander gibt – auch zwischen Jung und Alt.

…Aber?
Die digitalen Prozesse, die im Hintergrund ablaufen, können wir in ihrer Einzelheit nicht mehr fassen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir lernen, mit diesem neuen Werkzeug umzugehen. Wenn man die Menschen mitnimmt, kann man viele Ängste abbauen. Meine Vision von der Zukunft ist, dass es mehr Miteinander gibt – auch zwischen Jung und Alt.

Gibt es Veränderungen, Entdeckungen oder Erfindungen, die Ihnen persönlich Angst machen?
Mich macht die Aggressivität der Menschen untereinander sehr traurig. Egal ob im Netz oder im realen Leben: Es wird gepöbelt, beschimpft, verallgemeinert, pauschalisiert, zugespitzt. Da werden unreflektiert Behauptungen aufgestellt, die von anderen Menschen für wahr gehalten werden. Als Journalist lernt man, seine Quellen zu überprüfen. Im Netz darf jeder schreiben, was er will. Wenn Meinungen als Fakten deklariert werden, dann ist das fatal. Denn viele Menschen haben nicht gelernt, zu recherchieren, zu hinterfragen, die eigenen grauen Zellen mal zu benutzen. Am Ende bin ich aber Optimist und denke, dass wir lernen werden, besser damit umzugehen. Das ist ein Prozess.

Was macht das Leben in der Stadt der Zukunft aus?
Meine Vision wäre eine Stadt, in der die Menschen zum einen mehr Respekt anderen Menschen gegenüber zeigen und zum anderen mehr Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Das sind aus meiner Sicht die beiden Schlüsselwerte für die Zukunft. Ein großes Thema ist außerdem die Mobilität. Der Individualverkehr hat in der Stadt keine Zukunft. Wir müssen einsehen, dass wir Verkehr bündeln müssen. Hier zeichnen viele Verkehrsforscher ein ähnliches Bild von einem Mix aus Öffentlichem Nahverkehr, diversen Sharing-Modellen und dem Fahrrad.
Grundsätzlich sollte die Stadt der Zukunft smarter, grüner und sozialer werden. Wäre das nicht eine tolle Challenge, es einfach mal zu probieren? Städte lebenswert zu machen, damit sich die Menschen in ihrer Stadt wohlfühlen? Dafür braucht man Visionen. Visionen brauchen Fantasie. Und Fantasie braucht Mut. Denn wir haben eine verdammt verstaubte Fehlerkultur in Deutschland. Die braucht dringend ein Update! Also lasst uns doch einfach mal verrückte Ideen haben und mutig sein! Hinterher werden wir uns fragen: Warum haben wir das nicht schon viel früher ausprobiert?

umwelt

Melden Sie sich jetzt an zum ersten Netzwerkabend der IHK-Reihe GedankenGut mit Kristina zur Mühlen. Die Diplom-Physikerin und Moderatorin spricht am 29. Januar im Theater an der Ilmenau in Uelzen zum Thema „Wandel“. Dabei geht es um die Trends aus Digitalisierung, Forschung und Wissenschaft und die Fragen: Wie lebt es sich in der Stadt der Zukunft? Bekommt unsere Wegwerf-Gesellschaft ein Update und wie formen wir aus Verantwortung und Respekt ein neues Miteinander? Die Anmeldung für den GedankenGut-Netzwerkabend mit Kristina zur Mühlen ist ab sofort möglich.