Richtig Lernen lernen

Axel Ruhnau von Lernzentrum Uelzen
Foto: Philipp Schulze / phs-foto.de

Die Branche steht selten im Fokus, obwohl sie wächst: Das Geschäft mit Nachhilfe boomt. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung erhalten hierzulande 1,2 Millionen Kinder außerschulischen Förderunterricht. Insgesamt rund 900 Millionen Euro geben Eltern dafür jährlich aus, Tendenz steigend.  Art und Qualität des Angebotes auf dem ebenso lukrativen wie hart umkämpften Markt sind dabei kaum zu überschauen und reichen von namhaften Instituten über Franchiseanbieter bis zu Video-Tutorials und der pensionierten Lehrerin, die ins Haus kommt.

In Uelzen hat sich Axel Ruhnau seit 25 Jahren in der Branche fest etabliert. In seinem Lernzentrum in einem historischen Backsteinbau in der Innenstadt bietet er mit fünf Angestellten Nachhilfe für Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen sowie Lerntherapie an.

Die hohen Räume mit ihrer ruhigen Atmosphäre, die kleinen Sitzecken, die von den Kindern selbst entworfenen Plakate und die bunten Kinderbilder an den Wänden – das alles hat nicht den Hauch von Bürocharme oder Lernfabrik. Für Ruhnau die Grundvoraussetzung seiner Arbeit: „Die Kinder sollen sich wohlfühlen. Die sind meine Kunden, also die Personen, um die es hier geht.“

Buntstifte

Eltern, Lehrer, Schule – die sollen also erst mal draußen bleiben, zumindest gefühlt.  Ruhnau weiß, wie wichtig das ist. Jedes Kind bringe ja sein Päckchen mit, das oft mit Niederlagen und Selbstzweifeln gefüllt sei. „Wenn alle wissen, was drei mal sechs ist, nur ich nicht, dann ist das Selbstkonzept in Frage gestellt. Wir wollen zuerst die Dramatik da rausnehmen und für eine positive Lernatmosphäre sorgen.“ Deshalb unterhält er sich im Vorstellungsgespräch auch nicht zuerst mit den Eltern: „Ich treffe ein Abkommen mit dem Kind, ob es sich vorstellen kann, einmal pro Woche herzukommen, um an einem Problem gemeinsam zu arbeiten. So starten wir als Verbündete.“

Der Ansatz zieht sich durch das gesamte Konzept, mit dem sich Ruhnau von vielen anderen Anbietern unterscheidet: „Jedes Kind hat eine ganz individuelle Lernbiographie, deshalb gibt es bei uns ausnahmslos Einzelunterricht. Und wir haben keine Kündigungsfristen oder Knebelverträge, die Eltern über ein halbes Jahr binden. Man kann jederzeit aufhören oder pausieren.“

Rund 60 Prozent seiner jungen Kunden nutzen die klassische Nachhilfe in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch. In der Lerntherapie geht es hingegen um Hilfen für Kinder, die von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder einen Rechenschwäche betroffen sind. „Wenn ein Kind sagt, fünf plus drei sind elf, dann hat das einen Grund. Oft ist das Fundament, von dem das Kind ausgeht, fehlerhaft. Da muss man so eine Art Bypass legen, um das Regelwerk so zu vermitteln, wie es für dieses Kind genau richtig ist“, sagt Ruhnau, der auch mit Schulen und Lehrkräften kooperiert und in Fortbildungskursen Tipps aus der Lerntherapie für den Schulalltag weitergibt.

Dass er einen richtig guten Draht zu Kindern hat, das hat der heute 56-Jährige eher zufällig entdeckt. Als Bauingenieur-Student in Suderburg hatte er begonnen, sich mit Mathe-Nachhilfe etwas nebenbei zu verdienen. „Es wurde irgendwann immer mehr. Also habe ich einen Raum angemietet, eine Ausbildung als Lerntherapeut absolviert und mich selbständig gemacht.“

Schild Lernzentrum Uelzen

In 25 Jahren hat der Uelzener zahllose Schulreformen, Didaktik- und Methodikkonzepte kommen und gehen sehen. Der hohe Bedarf an außerschulischer Unterstützung wundert ihn genauso wenig wie die Klage von Arbeitgebern über mangelnde Ausbildungsreife junger Schulabgänger. „Viele Schwierigkeiten sind dem System geschuldet. Man fängt zu früh mit zu vielen Inhalten an, statt das Fundament im Lesen, Schreiben und Rechnen zu stärken“, sagt Ruhnau. Wer etwa in der 6. Klasse die Bruchrechnung nicht richtig verstanden habe, der werde in der 12. Klasse die Integralrechnung nicht beherrschen.   

Hat er seine Berufswahl jemals bereut? Der Lerntherapeut schüttelt energisch den Kopf. „Es war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe. Wenn ein Kind aus der Misserfolgsschiene rauskommt, wenn so ein Aha-Effekt einsetzt und das Gesicht strahlt,  das ist immer wieder unvergleichlich.“