Selbst ist das Dorf

Porträt von Thorsen Söder, im Hintergrund sind eine Frau und ein Kind vor der Bäckerei und dem Café in Kirchboitzen zu sehen.
Foto: Carolin George
Glücklich auf dem Dorf: Torsten Söder, Vorstandsmitglied der Dorfgenossenschaft und Geschäftsführer der Dorf-GmbH, die den Neubau für Bäckerei und Sparkasse errichtet hat.

Wenn Torsten Söder morgens zur Arbeit fährt, macht er seit kurzem einen Umweg. Zu gern hat er den Anblick der im Dunklen leuchtenden Bäckerei in seinem Dorf. Denn das neue Geschäft mitten in der niedersächsischen Provinz ist das sichtbare Beispiel dafür, was eine Gemeinschaft bewirken kann, wenn sie funktioniert. In Kirchboitzen bei Walsrode haben die Menschen nicht nur eine eigene Genossenschaft gegründet, sondern jetzt auch eine GmbH.

Kirchboitzen investiert in die Zukunft 

Am Ortseingang, direkt an der Bundesstraße 209 zur Autobahn, lag bis vor kurzem noch ein ungenutztes altes Werkstattgebäude. Jetzt steht dort ein moderner Bau mit Bäckerei, Café, Bauernladen und einer echten Sparkassenfiliale – nicht bloß einem Geldautomaten. „Dass es so etwas gibt in einem Dorf mit 630 Einwohnern, ist wirklich außergewöhnlich“, sagt Torsten Söder. 

Der Kirchboitzer, 43 Jahre alt und als Christdemokrat ehrenamtlich in der Kommunalpolitik aktiv, ist einer von drei Männern, die vor fünf Jahren begannen, die Infrastruktur des Dorfes in die eigenen Hände zu nehmen anstatt sie anderen zu überlassen.

Blick auf das Gasthaus in Kirchboitzen Dorfkneipe gerettet: Den „Domkreuger“ würde es ohne das Engagement der Leute in Kirchboitzen nicht mehr geben.

Foto: Carolin George

Anlass war damals das drohende Aus der Dorfkneipe „Zum Domkreuger“, direkt gegenüber der Kirche gelegen. Die bisherige Betreiberin wollte in Rente gehen, Restaurant und Hotel verkaufen. Doch es fand sich niemand, der das Kombipaket haben wollte – zu wenig hätte die Gastwirtschaft abgeworfen, bloß das Hotel war für einige Investoren aufgrund der Lage interessant.

Am Anfang stand die Kirchboitzer Zukunft eG

Aber Kirchboitzen ohne Kneipe? Das konnten sich Torsten Söder, sein Bruder und ein weiterer Freund nicht vorstellen. Sie beschlossen einen Versuch: Bekommen sie innerhalb von einer Woche genug Frauen und Männer zusammen, um eine Genossenschaft mit ausreichend Eigenkapital zu gründen? „Wir wollten damals schnell wissen, ob unsere Idee funktioniert oder nicht“, sagt Torsten Söder.

Sie funktionierte. 110 Mitglieder brachten insgesamt 300.00 Euro Eigenkapital für die „Kirchboitzer Zukunft eG“ auf, die Genossenschaft kaufte den „Domkreuger“ und renovierte Haus und Einrichtung, ein Pächterpaar aus dem Nachbardorf übernahm hat den Betrieb. Natürlich war dieses Jahr extrem schwierig, aber insgesamt geht das Konzept auf, sagt Vorstandsmitglied Söder. „Die Nachfrage ist da, das Gasthaus gut besucht. Kirchboitzen ohne Domkreuger, das ist nahezu unvorstellbar.“

Die Dorfgenossenschaft wurde einigermaßen berühmt, und 2018 kamen die Kreissparkasse Walsrode und die Landbäckerei Meyer, ein Familienbetrieb aus der Umgebung, auf sie zu: „Beide wollten zusammen ein Geschäftslokal mieten“, erzählt Söder. Doch dafür musste das Lokal erst einmal gebaut werden. Für die Genossenschaft eine Nummer zu groß, befanden die Mitglieder.

Dorf gründet die Kirchboitzer Infrastruktur GmbH

Und hatten sogleich die nächste Idee: Der „Verein zur Förderung der Dorfgemeinschaft“, bestehend aus den Vorständen sämtlicher Vereine und Institutionen im Dorf, gründete eine GmbH. Ihr Name ist Programm: „Kirchboitzer Infrastruktur GmbH“. Sie ließ die abgängige Werkstatt abreißen und den Neubau errichten, Sparkasse und Bäcker treten als Mieter auf.

Neben Backwaren gibt es Lebensmitteln von Äpfeln über Marmelade bis zur Leberwurst aus der Region, und wenn die Bäckerei geschlossen ist, gibt es neben dem Geld- auch einen Lebensmittelautomaten. „Wir sind alle mehr als glücklich“, sagt Torsten Söder, einer von drei Geschäftsführern der GmbH. „Wir haben unsere Zukunft selbst in die Hand genommen und ein Stück Lebensqualität gerettet.“

Die gute Infrastruktur spricht sich mittlerweile offensichtlich herum: Junge Familien fragen nach Grundstücken, und im nächsten Jahr gibt es seit langem das erste Neubaugebiet.