Tante Emma geht online

Edna Heller steht im Gang im Tante-Enso-Markt in schnega und hat sich einen Einkaufskorb unter ihren rechten Arm geklemmt.
Foto: Tamme/tonwert21.de

Die Zukunft der ländlichen Nahversorgung ist eine Mischung aus stationärem Mini-Markt und E-Commerce-Geschäft. Jedenfalls wenn man Thorsten Bausch fragt, Gründer und CMO von myenso. Der Online-Supermarkt betreibt seit 2019 vier stationäre Mini-Supermärkte, einen davon in Schnega in Lüchow-Dannenberg: den Tante-Enso-Markt.

Tante Enso ist ein Hybridmodell. Es verbindet die Nähe und den persönlichen Service von Tante Emma mit der Produktvielfalt, den günstigen Preisen und der Flexibilität eines Online-Supermarkts“, erklärt Bausch. Im Tante-Enso-Markt finden die Kunden rund 3.000 Produkte, etwa 20 Prozent davon kommen aus der Region, weitere 20 Prozent machen sogenannte Foodpioniere aus, myenso fasst darunter Start-ups und Manufakturen. Doch Kunden können bei Tante Enso nicht bloß zu den mit Personal besetzten Öffnungszeiten einkaufen – sondern 24 Stunden am Tag.

Kunden werden bei Tante Enso zu Komplizen

Zu sehen sind Hände, ein Computerbildschirm und ein Handscanner. Auf einem Lesegerät liegt eine Tante-Enso-Chipkarte. Mit der Tante-Enso-Chipkarte kommen Kunden 24 stunden am Tag in den Laden und können ihre Ware selbst kassieren und bezahlen, wenn kein Personal da ist.

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Möglich macht das eine Chip-Karte, mit der Kunden rund um die Uhr Zugang zum Markt haben und auch bezahlen können. Video-Kameras sorgen für Sicherheit, wenn kein Personal im Laden ist, aber große Sorgen um Diebstahl macht Thorsten Bausch sich ohnehin nicht: „Die Abschreibungen bewegen sich auf homöopathischem Niveau.“

Ein Grund dafür dürfte die Identifikation der Kunden mit ihrem Tante-Enso-Markt sein. Die können nämlich auch Teilhaber der myenso Genossenschaft sein, die zusammen mit der ENSO eCommerce GmbH hinter Tante Enso steht. „Die GmbH steuert die IT-Infrastruktur und macht gute Konditionen beim Produkteinkauf möglich“, so Bausch. „Mit der Genossenschaft machen wir unsere Kunden zu Komplizen.“

Mehr als 300 dieser Komplizen wohnen im 1.300-Seelen-Ort Schnega. Eine davon ist Edna Heller, Koordinatorin Tourismus der Region Wendland-Elbe. Sie war gerade erst aus Bremen zurück in ihre alte Heimat Schnega gezogen, als es hieß: In einem Jahr wird der Dorfladen der Familie Röhl schließen. Die Betreiber wollten in Rente gehen, ein Nachfolger fand sich nicht, erzählt Heller: „Niemand wollte das unternehmerische Risiko tragen, das ein Laden in einem so kleinen Ort mit sich bringt.“ Aber Schnega ohne Dorfladen? Das kam auch nicht infrage. 

So gründete sich eine Initiative aus zunächst drei, dann acht Leuten, bei der ersten Info-Veranstaltung waren es schon rund 70 Teilnehmende. „Wir sammelten Ideen, Freiwillige haben Hilfe angeboten und es war schnell klar: Wir sind viele“, erinnert sich Heller. Richtig viele wurden es aber erst, als die Gruppe Kontakt zu Thorsten Bausch knüpfte. Als myenso im Januar 2020 bei einer weiteren Veranstaltung über Tante Enso informierte, waren mehr als 300 Menschen dabei. 

Hybrid-Supermarkt begeistert

Über einen Zeitungsbericht war Heller auf myenso aufmerksam geworden – und war sofort von dem Modell des Hybrid-Supermarkts begeistert. „Ich dachte allerdings, dass myenso nur in Bremen Läden eröffnet und nicht ins Wendland kommt“, sagt Heller. Doch Thorsten Bausch kam, schmiedete gemeinsam mit der Dorfladen-Initiative Pläne und prüfte Zahlen, die Janina Röhl, die Tochter der ehemaligen Dorfladenbetreiber und heutige Filialleiterin von Tante Enso in Schnega, beschaffte.

„Für uns ist es wichtig, dass wir mindestens 15 Prozent des errechneten maximalen Umsatzes in einer Region für uns sichern können. Daher darf es in einem Umkreis von acht Kilometern keine Wettbewerber geben“, sagt Bausch. Außerdem müssen die Standorte logistisch gut erreichbar sein und über eine Internetanbindung verfügen. Und: Es muss sich ein passendes Gebäude finden. Wie passend, dass die VR Plus Altmark-Wendland ihre Filiale in Schnega ohnehin schließen wollte: Mit Tante Enso fand sich direkt ein neuer Mieter. Damit der neue Hybrid-Markt tatsächlich einzog, waren die Menschen aus Schnega selbst gefragt. „Wir hatten zwei Wochen Zeit, um 300 Genossenschaftsanteile à 100 Euro zu zeichnen – schon nach kaum einer Woche hatten wir das Geld zusammen“, sagt Edna Heller.

Kunden können mitbestimmen

Vor einem Tante-Enso-Markt stehen Menschen, die Luftballons und Konfetti in die Luft werfen. Im Oktober 2020 hat Tante Enso in Schnega eröffnet. Der hybride Mini-Supermarkt ist in die ehemalige Filiale der VR Plus Altmarkt gezogen.

Foto: myenso

Für myenso seien die Anteile weniger als Finanzierungsbaustein wichtig, betont Bausch: „Wir wollen wissen, dass die Menschen den Laden wirklich wollen.“ Schließlich stehe hinter Tante Enso das Prinzip der Mitbestimmung. Ob beim Sortiment, der Ladengestaltung oder den Services: Die Kunden und Genossenschaftsmitglieder können ihre Wünsche und Ideen einbringen. Und sollten sie doch mal einzelne Artikel in ihrem Tante Enso vermissen, können sie diese über myenso online bestellen und sich in den Laden oder gegen Gebühr auch nach Hause liefern lassen.

Im Oktober 2020 hat Tante Enso in Schnega eröffnet, insgesamt vier Läden hat myenso aktuell, bis Ende des Jahres sollen es 20 werden. „Das Potenzial ist da“, sagt Bausch. Rund 1.800 mögliche Standorte hat er bundesweit identifiziert. Ein Investment dort lohne sich für herkömmliche Supermärkte nicht, wohl aber für myenso. Beispiel Schnega: „Wir machen dort aktuell etwa 500.000 Euro Umsatz pro Jahr, unser Break-Even liegt bei 300.000 Euro.“ Möglich sei das durch „ein extrem schlankes Betriebssystem mit wenig Personalkosten”. Zwei Teilzeitkräfte und bis zu zwei 450-Euro-Kräfte arbeiten bei Tante Enso in Schnega. Bausch: „Die Tante-Enso-Märkte zahlen jeweils vor Ort Steuern. Rechnet man die Kooperation mit regionalen Lieferanten hinzu und die Mitarbeiter aus dem Ort, ergibt sich eine hohe Wertschöpfung für die Region.“