Eventwirtschaft diskutiert auf der Techtide

Hinter einer Bühne erscheint auf einem großen Bildschirm das Gesicht von Dr. Bernd Althusmann, links steht die Moderatorin, recht der Moderator.
Foto: Deutsche Messe
Eröffnung und Grußwort der hybrid veranstalteten TECHTIDE: Digitalisierung in Niedersachsen Dr. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr, Moderation Silke Gathmann und Hartwig von Saß, Deutsche Messe AG.

Ein Schulfach „Zukunft“ fände er spannend, sagte der Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung in Niedersachsen, Dr. Bernd Althusmann zu Beginn der TECHTIDE, des Kongress seines Ministeriums zur digitalen Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft. Mit der TECHTIDE habe man im vergangenen Jahr einen Thinktank für Zukunftsthemen geschaffen. „Die Leitmesse, was Zukunft betrifft“ und „alle denkbaren Einflüsse und Aspekte der Digitalisierung auf die unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsbereiche beleuchtet, diskutiert und Lösungen aufzeigt“. In dieser Woche fand die Messe nun zum zweiten Mal, coronakonform ausschließlich digital, jedoch mit Podien im H`Up der Messe Hannover statt. Auch Althusmann war für sein Grußwort nicht vor Ort, sondern am Donnerstag, seinem 54. Geburtstag, per Video zugeschaltet.

Porträt Michael Wilkens Hybrid, hybrider, insolvent?! Michael Wilkens, stellv. IHKLW-Hauptgeschäftsführer, diskutierte mit Branchenvertretern über die Zukunft der Eventwirtschaft. Foto: ihklw/tonwert21.de

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Um alle acht Millionen Niedersachsen einzubeziehen, hatte sein Ministerium zusammen mit den Industrie- und Handelskammern im Vorfeld Regionalkonferenzen abgehalten, darunter unsere IHK Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) zum Thema „Smart Mobility“. Digitalisierung müsse ganzheitlich gefasst werden, so Althusmann. Fünf Leitbilder der Digitalisierung habe man identifiziert: digitale Teilhabe, digitale Souveränität, digitale Verantwortung, digitale Nachhaltigkeit und digitale Chancen. Dafür sollen unter anderem bis 2021 Schulen, Krankenhäuser und Gewerbegebiete mit gigabitfähigen Anschlüssen versorgt werden. Für das Förderprogramm Digitalbonus seien in den ersten 13 Monaten 6.400 Anträge bei der NBank eingegangen. Althusmann: „3.700 Betriebe konnten wir mit Landeszuschüssen von 27 Millionen Euro dabei helfen, sich digitaler aufzustellen.“ Seit Oktober können sich auch gemeinnützige Vereine für Zuschüsse bewerben.

Michael Wilkens, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer unserer IHKLW, führte am Donnerstag durch den Programmpunkt „Eventwirtschaft – Hybrid, hybrider, insolvent?“ Ein brisantes Panel, denn gerade Veranstalter, Kreativ- und Organisationsagenturen, Messeausrichter, Künstlerinnen und Künstler sowie Logistikdienstleister für Technik, Catering und andere haben die Corona-Maßnahmen hart getroffen. „130 Milliarden Euro Umsatz hat die Eventbranche 2019 gemacht“, so Wilkens, „mindestens eine Million Beschäftigte arbeiten für sie“. Und: „Wir alle sind die riesige kulturelle Vielfalt gewohnt, die uns da geboten wird – doch durch Corona ist diese in Gefahr.“

Onlineangebote als dauerhafte Ergänzung

Podiumsgast Stefan Muhle, Staatssekretär für Digitalisierung im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, war sich der schwierigen Lage der Branchenvertreter auf dem Podium bewusst: „Es fehlt die Perspektive, wir wissen nicht, wie es weiter geht.“ Bei der Schaffung von alternativen Angeboten zog er eine Parallele zum Einzelhandel: „Onlineangebote sollten nicht nur für den Übergang, sondern als dauerhafte Ergänzung zum sonstigen Geschäft geschaffen werden.“

Porträt von Stefan Muhle mit Headsetz während einer Konferenz Stefan Muhle, Staatssekretär für Digitalisierung, warb dafür, Online-Events dauerhaft zu etablieren.  Foto: Deutsche Messe

Dass digitale Lösungen jedoch nicht für jeden Kulturanbieter passen, machte die Geschäftsführerin der Stadthalle Gifhorn, Dagmar Marks-Lübberink, deutlich. Vor Beginn der Pandemie verdiente das 2006 erbaute Veranstaltungshaus mit Eigenveranstaltungen, die zum Teil im Abo verkauft wurden, sowie als Vermieter für andere Veranstalter und Künstler Geld. „Hybride Formate gab es schon vor Corona, allerdings wurden diese wenig angenommen.“ Bislang gebe es für digitale Angebote weder die nötige Technik noch das nötige Knowhow, da werde aktuell nachgebessert. Trotzdem: „Die meisten Kunden wünschen sich Präsentveranstaltungen.“ Selbst nach Ende der Pandemie werde sie „ein bis zwei Jahre brauchen, um die Abonnenten zurück zu gewinnen“.

Auch Podiumsgast Axel Bornbusch vom Kulturklub Salon Hansen sowie der Clubkulturwerke GmbH und der heiter&wolkig GmbH in Lüneburg berichtete über existenzbedrohende Schwierigkeiten. Seit März sind Bar und Club geschlossen. „Wir gehen davon aus, dass wir bis Herbst 2021 nichts machen können.“ Er sei zu strukturellen Veränderungen gezwungen worden, vermutlich müsse er sich von einer Firma trennen. Viele Beschäftigte arbeiteten dazu auf selbständiger Basis oder als Minijobber. „Von ihnen lebt die Branche – aber sie sind komplett hintenüber gefallen.“ Er habe versucht, andere Aufgaben zu schaffen. Aber: „Wir sind nunmal gut darin, Leute zusammen zu bringen – aber das ist das Gegenteil davon, was man gerade machen sollte.“ Der engagierte Unternehmer fürchtet, dass sich durch die Gewohnheiten während der Pandemie die Clubkultur grundlegend verändert: „De facto verlieren wir als Club eine ganze Generation.“ Wie auch die anderen Diskussionsteilnehmer betonte Bornbusch aber, er unterstütze trotz aller Herausforderungen „die politische Linie“ und die Hygienemaßnahmen.

Datenschutz macht es Innovation schwer

Wie er sein Geschäft den Rahmenbedingungen der Pandemie weitgehend angepasst hat, davon berichtete Jan Grohmann-Falke, Inhaber der Groh-P.A. Veranstaltungstechnik in Buchholz in der Nordheide. Während sein Unternehmen in der Vergangenheit vor allem für die technische Ausstattung von Festivals, Konzerten oder Tagungen verantwortlich war, betreibe er jetzt ein komplettes Fernsehstudio: „Mit acht Kameras und Videoregie haben wir angefangen und kontinuierlich weiterentwickelt“. Nach einem Aufruf an Künstlerinnen und Künstler, diese Plattform kostenlos für Auftritte zu nutzen, sei nach kurzer Zeit der Terminkalender voll gewesen. „Bis jetzt haben wir mehr als 100 Bands gestreamt“, so Grohmann-Falke. Um zumindest die Grundkosten zu decken, habe er die regionale Wirtschaft als Sponsoren eingebunden. „Das hat sehr viel Spaß gemacht und war wichtig für meine Mitarbeiter. Statt sie zum Spargel stechen zu schicken, haben wir weiter das gemacht, was wir können.“ Streaming sei kein „Ausverkauf der Kultur“, wie teils kritisiert. Er setze langfristig auf digitale und hybride Formate als Zusatzangebote. „Durch die digitalen Möglichkeiten haben viele ältere Leute erstmals die Gelegenheit, teilzuhaben.“

Patrick Pietruck, Gründer und Geschäftsführer der web-netz GmbH und Veranstalter der OMK Online Marketing Konferenz in Lüneburg vertrat auf dem Podium die von der Krise profitierende Digitalwirtschaft. Er sitzt auch im Beirat des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums unter Leitung von Staatssekretär Stefan Muhle und berichtete von einem 100 Millionen Euro-Fonds für Startups. „Davon kann auch die Veranstaltungsbranche profitieren.“ Um digital souverän zu werden, sei Software speziell für den deutschen Markt nötig. „Da entwickelt sich langsam ein neuer Markt.“ Jedoch machten strenge Datenschutzrichtlinien es zum Teil schwer, Innovation zuzulassen.

Am Ende waren sich die Diskussionsteilnehmerinnen und –teilnehmer einig, dass trotz aller digitalen Lösungen aktuell der persönliche Kontakt fehle. Clubbetreiber Bornbusch sprach aus, was wohl alle dachten: „Es wird nie mehr so sein wie vorher. Aber wir versuchen, positiv in die Zukunft zu schauen.“