Mehr Tempo bei Corona-Hilfen

Porträt von Michael Zeinert und Andreas Kirschenann (rechts)
Foto: Jürgen Müller
#GemeinsamWirtschaftStärken, das wollen IHKLW-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert (l). und IHKLW-Präsident Andreas Kirschenmann.

Bewegende Monate liegen hinter uns, wie geht es der regionalen Wirtschaft im IHKLW-Bezirk aktuell?

Nichts brauchen die Unternehmer jetzt so dringend wie Liquidität.

Andreas Kirschenmann: Die regionale Wirtschaft war im drittel Quartal 2020gerade auf dem Weg, sich aus dem Corona-Tal hinauszuarbeiten – doch der zweite Lockdown light traf viele Unternehmen mit voller Wucht. Eine Umfrage unserer IHK Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) unter 620 regionalen Unternehmen hat erst kürzlich gezeigt: Rund 52 Prozent verzeichnen in Folge der Pandemie einen Eigenkapitalrückgang und knapp 30 Prozent einen mehr als 50-prozentigen Umsatzrückgang, zwölf Prozent stufen sich als akut von der Insolvenz bedroht ein.

Michael Zeinert: Besonders hart traf und trifft es auch die Reise- und Veranstaltungsbranche, ohne dass rasche Besserung in Sicht ist. Schwierig ist die Lage auch für die Gastronomie und den Handel, jetzt wo das Weihnachtsgeschäft zum Teil weggebrochen ist. Aber auch jenseits dieser Branchen, die gewissermaßen im Zentrum des Sturms stehen, haben viele Unternehmen Aufträge und Umsätze verloren. 

Die Bundesregierung hat für die Monate November und Dezember die außerordentlichen Wirtschaftshilfen auf den Weg gebracht, im Januar soll die Überbrückungshilfe III kommen. Wie beurteilt unsere IHKLW diesen Schritt?
Kirschenmann:

Dass der Bund die Hilfsmaßnahmen für Unternehmen verlängert, die Konditionen für die hauptbetroffenen Wirtschaftsbereiche mit der jetzt noch ausgeweiteten Überbrückungshilfe III verbessern will, begrüßen wir sehr. Auch das Land hat eigene Programme aufgesetzt und tut viel, um die regionale Wirtschaft trotz allem am Laufen zu halten. Viele kleine und Kleinst-Unternehmen stehen aber mit dem Rücken zur Wand. Sie benötigen jetzt Liquidität. Als IHKLW fordern wir daher nicht nur eine unbürokratische Antragsstellung, sondern auch die schnellstmögliche Bearbeitung und Auszahlung der Hilfen.

Ein Wunsch? Keine weiteren bürokratischen oder finanziellen Belastungen.

Zeinert: Jeder dritte Antragsteller von Novemberhilfen beklagt erhebliche Verzögerungen bei den Auszahlungen. Das ist ein Dauerthema in den Beratungen unserer IHKLW. Andererseits stehen bis Ende Juni 2021 Zuschüsse in Höhe von 95 Milliarden Euro für die Wirtschaft zur Verfügung. Das ist ein ganz starkes Angebot unseres Staates für die Rettung unserer Volkswirtschaft. Viele Länder beneiden unsere Wirtschaft um diese Hilfen. Aber: Das Geld muss jetzt auch schnell ankommen. Deshalb fordern wir ein Belastungsmoratorium: Keine neuen bürokratischen oder finanziellen Belastungen, stattdessen Deregulierung und steuerliche Entlastung durch Ausweitung des Verlustvortrags und verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten.

„Digitalisierung meistern“ ist Schwerpunktthema unserer IHKLW in diesem Jahr. Was haben wir für unsere Unternehmen diesbezüglich erreicht?
Kirschenmann:

Eine Menge. Angefangen bei einer digitalen Beratungsoffensive, die wir direkt zu den ersten Soforthilfen gestartet haben, über neue Informationsformate wie den Corona-Newsletter, mit dem wir seit Mitte März unsere Mitgliedsunternehmen über aktuelle unternehmensrelevante Neuigkeiten zur Corona-Pandemie auf dem Laufenden halten, bis hin zu digitalen Veranstaltungsformaten. Wir haben nicht lang gefackelt und versucht, uns schnell auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Mehr als 66 virtuelle Veranstaltungen mit rund 3400 Teilnehmern sowie 57 zusätzliche Webinare haben wir auf die Beine gestellt. Ein weiteres Beispiel: Wir haben in diesem Jahr rund 7600 digitale Ursprungszeugnisse ausgestellt, soviel wie nie zuvor. So konnten wir auch unter Corona-Bedingungen alle Services anbieten und unseren Mitgliedsunternehmen helfen, besser durch die Krise zu kommen.

Das mobile Arbeiten hat gezeigt, wie wichtig eine leistungsfähige Breitbandanbindung ist.

Zeinert:

Das mobile Arbeiten hat gezeigt, wie wichtig eine lückenlose und leistungsfähige Breitbandanbindung ist. Hierfür setzen wir uns seit Jahren ein und freuen uns, dass Niedersachsen in diesem Punkt viel besser geworden ist. Andererseits ist jeder weiße Fleck einer zu viel. Gleichzeitig war es spannend zu erleben, wie schnell sich Dinge digital verändern lassen, wenn es keine anderen Wege gibt. Viele unserer Info-Formate, egal ob Expertentage zum Thema Finanzierung, Azubi-Speeddatings via Zoom in unterschiedlichen Landkreisen oder Online-Betriebsbesichtigungen zur Berufsorientierung, haben digital für wahre Begeisterungsstürme gesorgt – und geholfen. Das war die wichtigste Nachricht in diesem Jahr: Wir alle sind mittendrin in dem Thema Digitalisierung meistern!

Unsere IHKLW vertritt die Interessen ihrer Mitgliedsunternehmen und setzt sich für gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen ein. Was steht 2021 ganz oben auf Ihrer Agenda?

Wir stehen den von der Corona-Pandemie betroffenen Unternehmen auf allen Kanälen zur Seite.

Kirschenmann: Unser Jahresthema lautet „Region zukunftsfähig aufstellen“. Wir wollen die regionale Wirtschaft dabei unterstützen, mit Vollgas aus der Krise zu starten. Die IHKLW-Vollversammlung setzt dabei auf Schwerpunkthemen wie Bürokratieabbau, Fachkräftesicherung durch Aus- und Weiterbildung und Innovationsförderung. Wir wollen die Digitalisierungskompetenz im Mittelstand voranbringen und natürlich stehen wir den von der Corona-Pandemie betroffenen Unternehmen mit Beratungen zu Fördermitteln und Finanzierungen auf allen Kanälen zur Seite. Kommunikativ steht das Ganze unter dem Hashtag #GemeinsamWirtschaftStärken.

Was lässt Sie trotz allem positiv in das Jahr 2021 schauen?
Kirschenmann: Ich glaube, dass sich die Pandemielage mit Hilfe der bald verfügbaren Impfstoffe mehr und mehr in den Griff bekommen lässt und dass wir im nächsten Frühjahr oder Sommer schon einen großen Schritt weiter sind. Daraus wird sich auch eine gewisse Stabilisierung der Wirtschaft ergeben. Auch, dass wir in dieser Krise so viele kreative, flexible und innovative Unternehmensideen gesehen haben, stimmt mich optimistisch. Unser Mittelstand ist das Rückgrat der regionalen Wirtschaft, ich denke, wir stehen am Ende kompakter da, als viele glauben. Klar ist aber auch: Es kommt auf jeden Einzelnen an, sich schnell an die geänderten Verhältnisse anzupassen.

Die Coronakrise hat nach meinem Eindruck das Miteinander in der Gesellschaft gestärkt.

Zeinert: Die Coronakrise hat nach meinem Eindruck das Miteinander in der Gesellschaft gestärkt. Und auch das Bewusstsein geschaffen, dass in unserem Land eine ganze Menge gut funktioniert, wie zum Beispiel das Gesundheitssystem und die öffentliche Verwaltung. Wir haben gelernt, dass „good old Germany“ definitiv veränderungsfähig ist. Wenn wir diese Fähigkeiten über den Moment hinaus retten, um damit auch wirtschaftliche Zukunft zu gestalten, bin ich sehr zuversichtlich.

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