Die Nächsten, bitte!

Frank Chruscinski sitzt in seinem Büro an einem Tisch, vor ihm stehen leere Stühle in Dunkelblau, Orange und Gelb.
Foto: Wege/tonwert21.de
Frank Chruscinski hat den Celler Büroausstatter Haupt 2009 als externer Nachfolger übernommen und seither kontinuierlich modernisiert.

Als Frank Chruscinski anfing, sich mit der Übernahme eines Unternehmens zu beschäftigen, waren ihm zwei Punkte besonders wichtig: Zeit und Offenheit. „Ich habe mich nicht unter Druck gesetzt und konnte mir jeden Standort vorstellen. Mehrere Unternehmen habe ich mir genau angeschaut. Das hat mich in dem Prozess enorm weitergebracht.“ 

Wie erkennt man Substanz? Welche Stärken und Schwächen sind vorhanden? Viele Fragen seien dabei neben den nackten Zahlen ausschlaggebend gewesen. Als es dann ernst wurde, stimmte auch das Bauchgefühl: 2009 übernahm Chruscinski in einem Asset Deal, bei dem Teile aus einem Unternehmen herausgelöst werden, den Namen, die Gewerbekunden und die damals 16 Angestellten des Celler Büroausstatters L. Haupt jr. 

Übernahme im Asset Deal

Dass es dazu kommen würde, das hatte der heute 55-Jährige lange nicht auf dem Plan. Er hatte als kaufmännischer Leiter bei einem Händler für Bürotechnik in Braunschweig gearbeitet und war mit der Tochter des Inhabers verheiratet. Alles sah nach einer Fortführung des Familienbetriebs aus. Doch dann trennte sich das Ehepaar und Chruscinski wollte auch beruflich neue Wege gehen: „Ich habe mich immer noch sehr gut mit meinem Schwiegervater verstanden. Trotzdem stand für mich fest: Ich orientiere mich lieber um.“

Geholfen hat ihm dabei ein Berater der Einkaufsgenossenschaft Soennecken, der rund 500 deutsche Bürofachhändler angehören. Der bahnte den Kontakt mit dem Inhaber des Celler Traditionshauses Haupt an, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1771 zurückreichen. Auf die ersten Gespräche 2007 folgten viele weitere, bis der Deal 2009 perfekt war. 

Neben Zahlen entscheidet das Bauchgefühl

Die Entscheidung habe auf beiden Seiten reifen müssen, sagt Chruscinski. „Die Alt-Inhaber lassen etwas los, das sie viele Jahrzehnte aufgebaut haben. Da geht es auch stark darum, ob man menschlich zueinander passt.“ Was ihn reizte war nicht nur das persönliche Klima in einem gewachsenen Familienunternehmen. Als Branchenkenner sah er das Potenzial. Die Substanz war zwar solide, hinkte in einer Sparte aber der Entwicklung hinterher: „Ich bin ein Technikmensch“, sagt Chruscinski, „den Bereich Kopier- und Drucktechnik wollte ich ausbauen.“ 

Die Inhaber wollten allerdings die Keimzelle des Unternehmens, das Schreibwarengeschäft in der Innenstadt, auch im Rentenalter noch weiterführen. „Damit gab es zwei ,Häupter‘ in Celle“, sagt Chruscinski, „das war natürlich ein Risiko. Aber weil unsere Firmenphilosophie deckungsgleich war und sich durch eine große Kundenähe auszeichnete, wurde das nicht zum Problem. Manche Kunden haben auch gedacht, ich sei der Sohn der Familie.“

Innovative Strategie nach der Übernahme

Der gute alte Name passte also zum neuen Konzept. „Tradition ist ja kein Feind von Innovation“, sagt Chruscinski. Er bietet heute mit 23 Angestellten ein Vollsortiment rund um den Büroalltag, das vom Kugelschreiber über Möbel bis zum Komplettpaket für Drucker und Multifunktionssysteme inklusive Service reicht. Unter den 2.800 Gewerbekunden sind viele aus der Industrie dazugekommen, der Umsatz ist von 2,8 auf 4,3 Millionen Euro gestiegen. 

Ende 2019 haben die Verkäufer das Ladengeschäft in der Innenstadt geschlossen. Chruscinski hat unterdessen andere Projekte angeschoben: Das Firmengebäude in Westercelle hat er nach Ablauf der Mietzeit gekauft und will hier neben Lager und Techniksparte auf einer neuen Ausstellungsfläche hochwertige Büroeinrichtungen präsentieren. Und: Die guten Erfahrungen haben Mut gemacht. Er hat den Büroausstatter Sperling gekauft und somit nun eine Niederlassung in Braunschweig, für eine weitere Übernahme laufen die Verhandlungen. 

 „Mit zusätzlichen Standorten erhöhen wir unsere Stabilität. Dabei macht eine Übernahme das Wachstum besser planbar, denn die Kunden sind ja schon da“, sagt Chruscinski und findet dann selbst, dass das ein bisschen zu einfach klingt. „Eine genaue Risikoabwägung muss natürlich sein. Und man sollte sich auch fragen: Was bin ich bereit, an Schweiß und Tränen zu zahlen?“  

Bei Pipo-Tore folgt die Tochter auf den Vater

Geschwitzt hat Daniela May auch manches Mal, aber das ist lange her. Schon als 16-jährige Schülerin packte sie im väterlichen Betrieb an, fuhr mit raus zu den Kunden und half bei der Tor-Montage. „Das Handwerkliche hat mir immer sehr viel Spaß gemacht“, sagt die heute 42-Jährige und lacht. „Aber irgendwie bin ich dann doch im Büro gelandet.“ Mittlerweile ist es das Chefbüro. Denn im April 2019 hat Daniela May die Geschäftsführung der Pipo-Torservice GmbH von ihrem Vater Bernd Pipo übernommen. Sie trägt nun die Verantwortung für ein Unternehmen mit zwölf Mitarbeitern.

Daniela May (l.) und ihr Vater Bernd Pipo stehen vor einem dunkelgrauen Garagentor, er hat den Arm um sie gelegt und blickt sie stolz an, sie lächelt in die Kamera. Daniela May hat die Geschäftsführung der Pio-Torservice GmbH von ihrem Vater bernd Pipo übernommen.

Foto: Tamme/tonwert21.de

Bernd Pipo hatte 1990 in Hamburg mit einer Handelsvertretung für Industrietore begonnen, später kam die Installation durch eigene Monteure dazu. Das wachsende Unternehmen zog um nach Rosengarten und spezialisierte sich auf den Bau von maßgefertigten Toren. In der großen Halle im Gewerbegebiet Nenndorf werden heute Dreh- und Schiebetore sowie Garagen-Sektionaltore individuell nach Kundenwunsch hergestellt. 

„Sie war schon immer meine Wunschlösung“

Während Helga Pipo ihren Ehemann schon von Beginn an bei der Buchführung unterstützte, zog es die Tochter nach der Ausbildung zur Bürokauffrau im Familienbetrieb erst einmal weg von Zuhause. Einige Jahre lebte und arbeitete Daniela May in Süddeutschland, bevor sie 2015 zurück in den Norden und in die Firma kam. Das sei der Zeitpunkt gewesen, zu dem er erstmals über die Nachfolge gesprochen habe, sagt Bernd Pipo. „Meine Tochter war schon immer meine Wunschlösung. Aber das läuft ja nicht automatisch, es musste sich entwickeln.“ 

Übergabe erfolgte Schritt für Schritt

Daniela May traute sich die Führungsposition zwar zu, wusste aber, dass sie eine Entwicklungszeit brauchen würde. Beide vereinbarten eine Übergangsphase, in der die Nachfolgerin sich in die neuen Aufgabenfelder einarbeiten konnte. „Am meisten hat mir geholfen, dass wir sehr viel geredet haben“, sagt Daniela May. „Ich wurde nicht ins kalte Wasser geschmissen, sondern hatte immer beide Eltern im Rücken. Dadurch habe ich auch keinen Druck verspürt.“ Auch ihr Vater war bereit zu lernen. „Ich kann nicht bis zum Tag X der Macher sein und mich dann umdrehen und sagen: Ab morgen hast du die Verantwortung. Das kann nicht funktionieren.“ Also hat sich der Senior schrittweise zurückgenommen: „Bei den regelmäßigen Besprechungen mit allen Mitarbeitern wurde das Wort immer mehr von meiner Tochter geführt und immer weniger von mir.“ 

Am Anfang sei das gar nicht so leicht gewesen, sagt der 76-Jährige: „Aber je mehr ich gesehen habe, wie sie sich in die Rolle reingefunden hat, desto gelassener wurde ich. Heute kann ich nur sagen: Es war genau das Richtige.“

Verantwortung übernehmen und loslassen können

Nun ist persönliche Nähe kein Garant für das Gelingen einer Übergabe, bisweilen sogar ein Hindernis. Hilfreich war für das Vater-Tochter- Gespann, dass sich beide immer auf Augenhöhe begegnet sind: „Ich schätze sehr, dass ich auf seinem Wissen aus 30 Jahren aufbauen kann“, sagt Daniela May. Und der Vater lobt ihre Führungsqualitäten: „Sie ist verlässlich, ehrlich und macht auch mal eine klare Ansage. Es passt einfach.“ Als die Übergabe dann im vergangenen Jahr auch offiziell galt, machte die Familie daraus ein großes Fest für die Mitarbeiter, deren Familien und die Kunden. 

Heute schaut der Senior nur noch selten im Betrieb vorbei. „Ich will ja die Abläufe nicht durcheinanderbringen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Er genießt es, auch mal spontan auf seiner Lieblingsinsel Sylt abzuschalten. Seine Tochter ist heute froh, dass sie von den eigenen Erfahrungen profitieren kann, auch vom einstigen Schülerjob: „Ich weiß schließlich genau, worauf es bei der Montage ankommt. Da kann mir keiner was vormachen.“

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