Die US-Wahl und die Folgen für die Wirtschaft

Wahl unterlagen werden in eine Wahlurne gesteckt
Foto: Shutterstock.com
Am 3. November wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. Unabhängig davon, ob Amtsinhaber Donald Trump oder der demokratische Kandidat Joe Biden sich durchsetzt: Die wirtschaftspolitische Orientierung nach innen wird bleiben, meint Amerika-Kenner Udo von Kampen.

Herr van Kampen, als Leiter des ZDF-Studios in New York führten Sie 1999 ein Interview mit Donald Trump, in dem dieser ankündigte, irgendwann US-Präsident zu werden. Wie kam es dazu?

Porträt von Udo van Kampen Der Journalist und Autor Udo van Kampen gilt als Kenner der USA und hat als ZDF-Korrespondent lange Zeit in New York gearbeitet.

Foto: Udo von Kampen

In den letzten Jahren musste ich mehrfach an dieses Gespräch denken. Donald Trump war damals der große Immobilienmogul in New York und eine schillernde Persönlichkeit, die große Sprüche klopfte und allseits beliebte Partys veranstaltete. Damals äußerte er sich noch selten politisch, war aber immer für eine Story zu haben. In dem Interview, das im „Trump Tower“ stattfand, ging es um seine Aktivitäten im Immobilienbereich, die Entwicklung in New York usw. Trumps Bauprojekte waren immer die größten und ungewöhnlichsten der Stadt. Auf meine Frage danach, was er in den nächsten Jahren so vor habe, sagte er plötzlich: „Uh, I wanna be the next president of the United States. I am the best.“ Es fiel mir schwer, die Contenance zu halten. Mein Team und ich haben dann zusammengepackt, sind in den Fahrstuhl und haben uns gebogen vor Lachen. Wir dachten natürlich: Jetzt ist der Typ total durchgeknallt. Aber dann ist er 2016 tatsächlich gewählt geworden. Wer hätte das gedacht?

Hätten Sie das je für möglich gehalten?
Noch am Wahltag selbst habe ich nicht damit gerechnet, dass Trump Präsident wird. Am Wahlabend bin ich beruhigt ins Bett gegangen und dachte, die USA haben eine neue Präsidentin. Das Ergebnis am Morgen war ein Schock, für alle. Im Nachhinein denke ich, dass Trump tatsächlich selbst nicht an einen Sieg geglaubt hat.

 

Im Vergleich mit der europäischen Wirtschaft gab es ein respektables Wachstum.

Die US-Wirtschaft befand sich seit 2009 im Aufschwung. Allen Unkenrufen zum Trotz schien auch die Präsidentschaft Donald Trumps daran nichts geändert zu haben. Zumindest vor der Corona-Pandemie war die Arbeitslosenquote niedrig, das Vertrauen der Amerikaner in die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes ungebrochen. Sie selbst waren acht Jahre lang Korrespondent in New York und kennen die „amerikanische Seele“. Wie erklären Sie sich das?
Das muss man Trump zugestehen: Er hatte die Inflation im Griff und im Vergleich mit der europäischen Wirtschaft gab es ein respektables Wachstum und eine boomende Wallstreet. Wirtschaftspolitisch hat seine Präsidentschaft dem Land zu Beginn Erfolg gebracht. Mit Hilfe von riesigen Investitionen, massiven Senkungen der Unternehmenssteuer und seinem Drängen der US-Notenbank, die Zinsen zu senken – diese Maßnahmen kamen im amerikanischen Unternehmertum gut an. Auch seine Kritik an Ländern wie Kanada, China oder Deutschland wegen ihrer Exportüberschüsse wurde bei den selbstbewussten US-Unternehmen positiv registriert.

Der positive Trend war schon lange vor Trump da.

Trump steht u.a. für eine Steuerreform, die „America first“-Außenhandelspolitik und höhere Staatsausgaben. Wie viel Trump steckt im Wirtschaftswachstum?
Der positive Trend war schon lange vor Trump da. Doch er hat die Wirtschaft im Land weiter angekurbelt. Mit teilweise fragwürdigen Methoden freilich. Das ist in der Corona-Krise jetzt alles zusammengebrochen.

Wie nachhaltig sind seine Maßnahmen?
Mit Corona kam die Erkenntnis, dass Trumps Erfolg wenig nachhaltig war. Jetzt ist die Arbeitslosenquote dramatisch hoch, das Gesundheitssystem zusammengebrochen – nur die Börse läuft weiter als wäre nichts gewesen. Trump hat das Prinzip der internationalen Arbeitsteilung in Frage gestellt, die Wirtschaftspolitik re-nationalisiert und allein auf nationale Interessen ausgerichtet. Das hat kurzfristig gezündet, aber dass es langfristig ohne internationale Arbeitsteilung nicht geht, ist offensichtlich und unter Ökonomen unumstritten.

Mit Corona kam die Erkenntnis, dass Trumps Erfolg wenig nachhaltig war.

Nun ist die US-Wirtschaft in nie da gewesenem Ausmaß eingebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt sank im zweiten Quartal auf’s Jahr gerechnet um 32,9 Prozent. Was bedeutet das, auch für deutsche Unternehmen und deren Handelsbeziehungen?
Nichts Gutes! Trump heizt den Konflikt mit China immer weiter an, das sehe ich mit Sorge. Es geht darum, wer künftig die „Weltmacht Nummer eins“ wird, wirtschaftlich und politisch. Im Zuge dessen werden sich auch deutsche Unternehmen irgendwann entscheiden müssen, ob sie künftig mit Amerika oder mit China primär Handel führen wollen. Aktuelles Beispiel dafür ist „Nord Stream 2“. Politische Aspekte des Projekts mal außen vor gelassen – Trump droht allen Ernstes wegen eines privatwirtschaftlichen Projekts einem befreundeten Land und einem Hafen. Er droht dem Chef der Hafenbehörde persönlich mit Sanktionen und Vernichtung. Das ist eine Eskalation, die es unter befreundeten Staaten so noch nie gegeben hat. Diese Frontalstrategie begründet er politisch, der Hintergrund ist jedoch eindeutig wirtschaftlich: Dahinter steht das Interesse, das eigene überteuerte Fracking-Gas und -Öl nach Europa verkaufen zu wollen. Aktuell stockt der Absatz, Trump will die Europäer zum Kauf zwingen. Das Beispiel zeigt: Deutsche Unternehmen sollten sich in den kommenden Jahren warm anziehen.

Die Orientierung der Amerikaner – mehr nach innen und weg vom transatlantischen Verhältnis hin zu Asien – ist unübersehbar.

Auch für Niedersachsen gehören die USA seit langem zu den wichtigsten Außenhandelspartnern. Wie sollten sich hiesige Unternehmen denn konkret wappnen?
Viele deutsche Unternehmen, zum Beispiel aus der Automobilindustrie, haben ja jetzt schon viele Stützpunkte und Produktionsstätten in Amerika. Das ist sicher die richtige Strategie. Denn selbst wenn Trump die anstehende Wahl nicht gewinnen sollte: Es wäre naiv zu glauben, dass ein neuer Präsident den Schalter umlegen wird, sobald Trump weg ist. Das wird definitiv nicht passieren. Die Orientierung der Amerikaner – mehr nach innen und weg vom transatlantischen Verhältnis hin zu Asien – ist unübersehbar und hatte sich schon unter Obama angedeutet. Atmosphärisch würde sich das Verhältnis unter einem demokratischen Präsidenten wohl entspannen, aber in der Sache werden die Amerikaner auch unter den Demokraten knallhart eigene wirtschaftspolitische Interessen durchsetzen. Dass da etwas zurückgedreht wird, glaube ich nicht. Im Gegenteil: Der Trend wird sich weiter fortsetzen.

Viele deutsche Unternehmen haben jetzt schon viele Produktionsstätten in Amerika. Das ist sicher die richtige Strategie.

Früher war Verlass auf die Stabilität der Wertegemeinschaft von EU und transatlantischem Bündnis. Wie viel ist davon noch übrig?
Ich glaube, dass in Europa endlich die Einsicht gewachsen ist, dass wir uns nur geeint gegenüber den USA behaupten können. Während dort die Strategie verfolgt wird, diese Einheit Europas zu spalten. Länder wie Polen oder Ungarn sehen ihre sicherheitspolitische Zukunft mittlerweile eher in den USA als in Europa. Die übrigen Europäer müssen versuchen, mit einer Stimme gegenüber den USA aufzutreten. Nur dann hat die EU überhaupt eine Chance, in der Weltwirtschaft zu bestehen.

Eine zweite Amtszeit Trumps wäre eine Katastrophe für die gesamte Welt, insbesondere für Europa und Deutschland.

Ihr Tipp: Wer wird bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen?
Die Corona-Krise könnte als einzig positiven Aspekt haben, dass Trump wegen seines katastrophalen Krisenmanagements aus dem Amt gejagt wird. Bei den aktuellen Infektionszahlen und der wirtschaftlichen Situation in den USA kann ich mir nicht vorstellen, dass er es schafft, noch bis zum 3. November eine Wende zu schaffen und einen wirtschaftspolitischen Optimismus zu verbreiten, sodass die Leute ihm vertrauen, das Land aus der Krise zu führen. Aber vielleicht ist das auch Wunschdenken. Ich habe acht Jahre lang in New York gelebt, meine Tochter lebt noch immer dort. Ich habe lange gebraucht, um zu kapieren, dass New York, Washington D.C. und L.A. nicht Amerika sind. Im Mittleren Westen herrscht ein ganz anderes Weltbild. Auf jene Leute setzt er. Ich wage keine Prognose. Es kann noch so viel passieren. Trump könnte versuchen, aus einer außenpolitischen Krise Profit zu schlagen und auf die altbekannte Regel setzen, dass die Nation dann zusammensteht. Dann hätte er eine Chance. Man muss ihm alles zutrauen, denn er will um jeden Preis an der Macht bleiben. Eine zweite Amtszeit wäre eine Katastrophe für die gesamte Welt, insbesondere für Europa und Deutschland. Politisch, außenpolitisch, wirtschaftlich und das transatlantische Verhältnis betreffend.