Verantwortung übernehmen für Menschenrechte

Porträt von Katharina Hermann bei einerm Vortrag, die blonde Frau trägt ein Headset-Mikro.
Foto: Inga Kjer/photothek.net
Katharina Hermann leitet den NAP Helpdesk für Wirtschaft und Menschenrechte bei der Agentur für Wirtschaft & Entwicklung (AWE), der deutsche Unternehmen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsanforderungen unterstützt.

Sind Unternehmen verpflichtet den Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) umzusetzen?
Nein, eine rechtliche Pflicht zur Umsetzung besteht nicht – zurzeit zumindest nicht. Wenn aber bis 2020 die Hälfte der in Deutschland ansässigen Unternehmen mit mehr 500 Beschäftigten die im NAP verankerten Prozesse nicht umsetzen, hat sich die Bundesregierung vorbehalten, weitergehende Schritte bis hin zu gesetzlichen Maßnahmen zu prüfen. Wie weit es um die Umsetzung steht, fragt die Bundesregierung aktuell beim NAP-Monitoring direkt bei Unternehmen ab. Die Erwartungen sind im NAP klar formuliert: Alle deutschen Unternehmen sollen die im NAP beschriebenen Elemente menschenrechtlicher Sorgfalt in sämtliche Geschäftsaktivitäten integrieren. Dies umfasst neben den eigenen Geschäftstätigkeiten explizit auch Prozesse zum Management von Liefer- und Wertschöpfungsketten.

Im Grunde geht es um Risikomanagement.

In welchen Bereichen kann der NAP für Unternehmen wichtig werden?
Es geht vor allem um die Etablierung eines robusten Umwelt- und Sozialmanagementsystems, durch das menschenrechtliche Themen adäquat in die Geschäftsprozesse implementiert werden. Im Grunde geht es um Risikomanagement: Wer sich beispielsweise Metall auf dem Weltmarkt beschafft, sollte wissen, ob der Abbau des Metalls unter menschenwürdigen Bedingungen erfolgte. Genauso gilt es, bei einer Produktionserweiterung in einem strukturschwachen Land, den Erwerb von zusätzlichen Flächen im Einklang mit den Rechten der ortsansässigen Bevölkerung zu gestalten. Der NAP Helpdesk stellt gemeinsam mit unseren Partnern UPJ e.V. und MVO Nederland ein Online-Tool zur besseren Einschätzung dieser Risiken zur Verfügung. Dieser Risiko Check hilft Unternehmen Umwelt-, Sozial-, Governance- sowie Menschenrechtsrisiken zur erkennen und gibt erste Hinweise auf mögliche Handlungsfelder.

Unternehmen, die den NAP beachten, gewinnen an Attraktivität für Investoren und Mitarbeiter.

Welche Vorteile hat es für Unternehmen, die NAP-Vorgaben zu befolgen?
Mit entsprechenden Prozessen können Unternehmen operative, rechtliche und finanzielle Risiken verringern und investieren in ihren guten Ruf als verantwortungsbewusster Wirtschaftsakteur. Dadurch können sie Konflikten mit Auswirkungen auf Geschäftsabläufe vorbeugen, Beziehungen zu Lieferanten können verbessert und nachhaltiger gestaltet werden. Außerdem gewinnt das Unternehmen an Attraktivität für Investoren, die ihren Entscheidungen zunehmend ethische Faktoren zugrunde legen. Und es wird außerdem für (neue) Mitarbeiter ein attraktiver Arbeitgeber.

Wo stehen wir in Deutschland aktuell mit dem NAP?
Die umfassende Auswertung der Bundesregierung zu unternehmerischen Sorgfaltsprozessen steht noch aus. Bei den Erwartungen der Bundesregierung im NAP geht es aber nicht um etwas grundlegend Neues. Nicht wenige Unternehmen haben bereits einiges erreichen können, indem sie kontinuierlich ihre Umwelt-, Sozial- und Governance-Managementsysteme auch vor Ort umgesetzt und weiterentwickelt haben. Eine Herausforderung für Unternehmen besteht jedoch auch in der Kommunikation: Eine sprachliche Ebene zwischen Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft zu finden, ist ein Thema, wie wir durch unsere Gespräche mit Unternehmen gespiegelt bekommen. Eine wichtige Frage ist dabei immer, mit welchen bestehenden Systemen und Prozessen Unternehmen den NAP umsetzen können. Hier versucht der NAP Helpdesk mit dem Beratungsangebot anzusetzen.

Regeln zur menschenrechtlichen Sorgfalt, werden auch für deutsche Unternehmen verbindlicher werden.

Wie werden die Anforderungen wie im NAP beschrieben in anderen Ländern umgesetzt?
Neben Deutschland haben auch viele andere Länder in Europa, Asien, Lateinamerika und Afrika nationale Aktionspläne zur Umsetzung der VN-Leitprinzipien Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. In einigen Ländern wurden zusätzlich Gesetze verabschiedet, die sich auf die Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfalt beziehen. Ein Beispiel ist das „Loi de vigilance“-Gesetz in Frankreich. Es verpflichtet große französische Konzerne und ihre Tochtergesellschaften zur Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards. In Großbritannien verpflichtet der „UK Modern Slavery Act“ Unternehmen, Maßnahmen zur Vermeidung von Zwangsarbeit und Menschenhandel in eigenen Aktivitäten oder entlang der Lieferkette zu nennen. In den Niederlanden hat der Senat gerade dem „Child Labour Due Diligence Law“ zugestimmt. Dieses verlangt beispielsweise auch von deutschen Importeuren, dass eine entsprechende Sorgfaltsprüfung durchgeführt und ein Maßnahmenplan erarbeitet werden. Die Schweiz diskutiert ebenfalls ein Konzernverantwortungs-Gesetz. Es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass Regelungen für die Umsetzung zur menschenrechtlichen Sorgfalt auch für deutsche Unternehmen verbindlicher werden.