Von Kleidern und Crowdfunding

Frederikke Jakobsen (l.) und Maren Brandt sind in der Halbtotalen zu sehen, beide Frauen lehnen sich leicht an eine Kleiderpuppe, die zwischen ihnen steht.
Foto: tonwert21.de
Vom Entwurf bis zur Auslieferung sind Modedesignerin Frederikke Jakobsen (l.) und Diplom-Bekleidungstechnikerin und Unternehmerin Maren Brandt ein eingespieltes Team.

Noch stehen in dem hellen Raum nur ein großes Industrie-Regal und eine Kleiderpuppe auf dem grau-braunen Betonboden, aber Maren Brandt sieht schon jetzt die Zukunft vor sich: „Vorne richten wir einen Showroom ein mit einer kleinen Auswahl der Kollektion, hinten die Plätze für die Näherinnen.“ Begeisterung schwingt in ihrer Stimme mit, während sie mit den Armen abwechselnd mal in die eine, mal in die andere Richtung deutet. Doch Begeisterung allein reicht nicht. Es braucht auch Kapital.

„Etwa 100.000 Euro“, sagt Brandt. „75.000 Euro, um in eine eigene Produktionsstätte in Lüneburg zu investieren und 25.000 für die anfänglichen Betriebskosten.“ Die 46-Jährige steht in der Mitte des Raums in dem Bürogebäude in Lüneburg, die blonden langen Haare locker zum Zopf gebunden, schlichtes, schwarzes Kleid – natürlich ein Kleid.

Wir stehen für Einfachheit in unseren nachhaltigen Lieferketten – und im Kleiderschrank.

Kleider made in Lüneburg

„Keep it simple, wear a dress“ lautet der Claim zu ihrer Geschäftsidee, der Mode-Marke „Make Monday Sunday“, mit der sie Kleider für jede Frau und jeden Anlass auf den Markt bringen will. „Frauen haben Busen, Bauch und Po, die einen mehr, die anderen weniger, aber ein Kleid schmeichelt jeder Figur“, sagt Brandt. Zunächst plant sie mit vier Vollzeitstellen für drei Näherinnen und eine Produktionsleiterin, die auch Aufträge anderer Label fertigen werden. Brandt möchte bevorzugt Näherinnen mit einem Migrations- oder Flüchtlingshintergrund einstellen, die Stoffe für die Kleider sollen überwiegend Bio-Qualität haben und ausschließlich von Lieferanten aus Europa kommen, Kontakte hat Brandt in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Portugal, Dänemark, Italien und Litauen.

 „Wir stehen für Einfachheit in unseren nachhaltigen Lieferketten – und im Kleiderschrank“, sagt Brandt. Der Alltag von Frauen sei komplex: Kinder in die Kita oder Schule bringen, danach zum Geschäfts-Meeting, abends noch eine Veranstaltung oder ein Treffen mit Freunden: „Wenn ich morgens ein Kleid anziehe, kann der Tag bringen, was er will.“ Brandt lacht, so einfach kann das sein. Keep it simple, wear a dress.

Sieg beim Heidecrowd-Contest

Die Botschaft überzeugt: 139 Menschen haben zusammen 13.056 Euro bei einem Wettbewerb über die regionale Crowdfunding-Plattform www.heidecrowd.de in Maren Brandts Geschäftsidee investiert. Die vielen Unterstützer bescherten Brandt kürzlich den ersten Platz beim Heidecrowd-Contest und damit nochmal 2.500 Euro zusätzlich von der Crowdfundinginitiative Heide-Elbe, die www.heidecrowd.de ins Leben gerufen hat. Ebenso wie den Heidecrowd-Contest, bei dem die zehn Teilnehmer mit ihren Ideen starteten und mit Workshops zu Gründungskonzept, Video-Dreh, Marketing und Finanzierung unterstützt wurden. „Das hat richtig, richtig viel geholfen“, sagt Brandt.

Dass regionale Partner mit Fachwissen rund um Gründung und Finanzierung zur Verfügung stehen, ist der große Vorteil von Heidecrowd.

Hinter der Crowdfundinginitiative Heide-Elbe stehen die Leuphana Universität Lüneburg, die Sparkassen Harburg-Buxtehude und Lüneburg, die Volksbanken Lüneburger Heide und VR plus Altmark-Wendland, die NBank, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen (MBG) mbH und unsere IHK. Vorsitzender des Vereins ist Carsten Henningsen, Bereichsleiter Unternehmensbetreuung bei der Volksbank Lüneburger Heide. Er sagt: „Dass den Unternehmen regionale Partner mit Fachwissen rund um die Themen Gründung und Finanzierung zur Verfügung stehen, ist der große Vorteil von Heidecrowd: Keiner steht allein vor seinem Geschäftsvorhaben, weil die Partner vor Ort ihr Know-how einbringen.“

Partner beraten und begleiten

Im Idealfall legen die Unternehmen sogar vor dem Start einer Crowdfunding-Kampagne zusammen mit einem Heidecrowd-Partner die Finanzierungssumme fest, die dann über zwei Bausteine erreicht wird: Im ersten Schritt sammelt das Unternehmen den Crowdfunding-Anteil. Ist dieses Zwischenziel erreicht, stellt der Finanzierungspartner die fehlende Summe beispielsweise über Darlehen, Beteiligungen oder Fördermittel bereit, sodass am Ende die Gesamtfinanzierung steht.

In der Praxis zeige sich allerdings, dass viele Unternehmen sich erst um eine Gesamtfinanzierung kümmern, nachdem das Crowdfunding abgeschlossen ist, sagt Henningsen: „Offenbar haben wir es noch nicht geschafft, den Mehrwert, den wir mit unserem Partnernetzwerk vor Ort bieten, ausreichend zu transportieren.“ Um mehr Unternehmen anzusprechen, diskutiere die Crowdfundinginitiative Heide-Elbe aktuell eine Neuausrichtung.

Geldgeber erhalten Geschenke

Bisher funktioniert Crowdfunding über Heidecrowd nach dem sogenannten Reward-based-Verfahren, das seinen Ursprung im Kultur- und Kreativbereich hat: Unterstützer geben Geld und erhalten dafür ein Dankeschön wie ein Geschenk oder eine Vergünstigung. „Interessant ist der Ansatz vor allem für Unternehmen, die ein neuartiges B2C-Produkt am Markt testen möchten, da die Crowd nur Produkte finanziert, die sie auch tatsächlich kaufen würde“, sagt Henningsen.

Interessant ist Heidecrowd vor allem für Unternehmen, die ein neuartiges B2C-Produkt am Markt testen möchten.

Für Maren Brandt war der Markttest ein Grund, sogar schon vor dem Start der eigentlichen Finanzierungsphase mit „Make Monday Sunday“ online zu gehen. „Mir war das Feedback unheimlich wichtig, deshalb habe ich auch stark darauf gesetzt zu kommunizieren, was wir wie machen und warum“, sagt sie. Bei Facebook und Instagram gewährte sie potenziellen Unterstützern einen Blick hinter die Kulissen, erklärte ihre Unternehmensphilosophie und verloste ein Kleid an ihre Geldgeberinnen. Vier Wochen lang lief ihr Crowdfunding-Trailer in einem lokalen Programmkino als Werbespot, außerdem veranstaltete Brandt Anprobetage, eine Modenschau und lud zum Modell-Casting für ihre neue Kollektion ein.

Überzeugender Markttest

Der Mühe Lohn war, dass der Kreis der Unterstützer stetig wuchs. „Die ersten kamen noch aus meinem persönlichen Umfeld, die nächsten aus der Region und später von überall aus Deutschland“, sagt Brandt. Jeder Unterstützer und jede Unterstützerin erhielt ein Dankeschön: Je nach Betrag setzte Maren Brandt beispielsweise auf Postkarten, ein Haarband und natürlich Kleider – vom T-Shirt-Kleid für 99 Euro über ein Modell aus der neuen Kollektion ab 209 Euro bis zum individuellen Designerstück für 1.200 Euro.  

Der Aufwand habe sich für sie gelohnt, sagt Brandt, macht aber auch deutlich: „Mit Crowdfunding macht man keine schnelle Mark, das ist harte Arbeit, die nur mit viel persönlichem Engagement und einem gut funktionierenden Team gelingt.“ Sie selbst hat die Hälfte des gesammelten Gelds in die Danke-Geschenke investiert, den Rest nutzte sie für die Crowdfunding-Kampagne und die Entwicklung der neuen Kollektion. Für die weitere Finanzierung haben ihr zwei Banken aus dem Heidecrowd-Partnernetzwerk Angebote vorgelegt, die Entscheidung fällt Brandt in den nächsten Wochen. Würde sie sich wieder für Crowdfunding entscheiden? Die Antwort kommt prompt: „Ja, definitiv. Gelohnt hat es sich allein schon wegen der vielen Vorbestellungen, die meine Geschäftsidee bestätigt haben.“

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