Weniger macht mehr Gesundheit

DE-VAU-GE-Mitarbeiterin Maria Avram steht mit Haube und Mundschutz an einem Fließband, auf dem Riegel in Reih und Glied liegen.
Foto: tonwert21.de
Der Cerealien- und Müsli-Riegelhersteller DE-VAU-GE hat bereits vor Jahren begonnen, Zucker und Salz in den Rezepturen zu reduzieren. Weil viele Menschen gern süß essen, müssen die Unternehmen dabei behutsam vorgehen, um die Akzeptanz beim Kunden nicht zu gefährden.

Welches Müsli eher zu einer ausgewogeneren Ernährung beiträgt und wie gut die Nährstoffzusammensetzung einer Pizza ist: Der neue Nutri-Score soll für mehr Durchblick bei der Auswahl von Fertiggerichten und -produkten sorgen. Bei der fünfstufigen Lebensmittelampel steht das grüne A für eine eher günstige, das rote E für eine weniger günstige Nährwertzusammensetzung eines Lebensmittels. Das in Frankreich entwickelte System wurde im November auch in Deutschland eingeführt. Hierzulande ist die Kennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackungen freiwillig, doch immerhin 56 von insgesamt 750 Unternehmen, die sich bei der Markeninhaberin Santé publique France für den Nutri-Score registriert haben, kommen aus Deutschland. 

Unternehmen sind  noch zurückhaltend

Porträt Rüdiger Kühl Rüdiger Kühl, Mitglied der DE-VAU-GE-Geschäftsleitung, geht davon aus, dass der Nutri-Score bis 2022 auf vielen Verpackungen zu sehen sein wird.

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„Unsere Kunden sind aktuell noch zurückhaltend“, sagt Rüdiger Kühl, Geschäftsführer Vertrieb, Entwicklung und Werk Lüneburg bei der DE-VAU-GE Gesundkostwerk Deutschland GmbH. Das Unternehmen zählt zu den europaweit größten Herstellern von Frühstücks-Cerealien, Müsli, Frucht-, Müsli- und Nussriegeln für Eigenmarken großer Handelsketten. Ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung der Konzerne ist laut Kühl: „Unternehmen können für die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score nicht nur die Produkte rauspicken, die gut abschneiden würden. Sie müssen alle Produkte einer Marke kennzeichnen – oder keines.“ Die Befürchtung der Unternehmen: Produkte, die schlecht abschneiden, bleiben in den Regalen liegen. Dass diese Sorge begründet ist, bestätigt eine aktuelle Befragung im Auftrag von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) unter mehr als 1.000 Deutschen zwischen 16 und 69 Jahren. Demnach würden 36 Prozent der Befragten ein Produkt mit einer orangefarbenen D-Kennzeichnung nicht kaufen und 22 Prozent würden bereits bei einer gelben C-Kennzeichnung vom Kauf absehen.

Nutri-Score wird bis 2022 an Fahrt aufnehmen

Trotzdem ist Kühl sicher, dass die Kennzeichnung in den nächsten Jahren an Fahrt aufnehmen wird. Seine Prognose: „Bis Ende 2022 werden sehr viele Produkte das Label tragen.“ Auch Christian Kircher, Leiter Planung und Organisation des Deutschen Instituts für Ernährungswirtschaft und Geschäftsführer der niedersächsischen Landesinitiative Ernährungswirtschaft (LI Food), geht davon aus, dass der Handel dafür sorgen wird, dass der Nutri-Score flächendeckend eingeführt wird: „Der Markt regelt das oftmals schneller als die Gesetzgebung.“ 

Rote Müsliverpackung mit der Lebenmittelampel Nutri-Score (A-Bewertung) Eine A-Bewertung beim Nutri-Score steht für einer ernährungsphysiologisch günstige Zusammensetzung.

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Als erste große Handelskette hat Aldi bereits 2019 gegenüber der Verbraucherschutz-organisation Foodwatch angekündigt, den Nutri-Score auf relevanten Eigenmarken-Produkten aufzubringen. Rewe, Lidl und Kaufland haben im April zusammen mit Nestlé Deutschland und Danone einen Brief an die EU-Kommission verfasst und fordern, den Nutri-Score in der gesamten Europäischen Union als einheitliche Nährwertkennzeichnung verpflichtend einzuführen. In dem Schreiben betonen die Unterzeichner, zu denen auch Wissenschaftler, Parlamentarier und Verbraucherschützer gehören, dass die Covid-19-Krise die Bedeutung der Gesundheit der europäischen Bürger mehr denn je verdeutlicht habe. Angesichts der Tatsache, dass einer von zwei Erwachsenen in der EU übergewichtig oder sogar fettleibig sei, brauche es größere Anstrengungen, um die dadurch verursachte Gesundheitskrise einzudämmen. Ernährung sei dabei ein wichtiger Faktor.   

Vertrauensvorschuss bei Verbrauchern

Bei aller Freiwilligkeit der Nutri-Score-Kennzeichnung: Der Handlungsdruck auf die Ernährungswirtschaft wächst. In der Bevölkerung stößt das Konzept bei 89 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher auf Zustimmung, wie die PWC-Umfrage zeigt. 85 Prozent sind sogar der Meinung, dass die Kennzeichnung auf allen verarbeiteten Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken in Deutschland verpflichtend sein sollte. Die Verbraucher wünschen sich Transparenz. Es soll leichter werden, sich gesund zu ernähren. Darauf zahlt auch die 2018 von der Bundesregierung verabschiedete Reduktions- und Innovationsstrategie ein. Zucker, Fette und Salz – all das soll in Fertigprodukten reduziert werden. 

Kunden akzeptieren keine radikale Reduktion

Für die Entwicklungsabteilung der DE-VAU-GE sei Reduktion ohnehin schon lange ein Thema, sagt Rüdiger Kühl: „Wir arbeiten seit Jahren an den Rezeptverbesserungen der Cerealien, haben Zucker und Salz reduziert und den Vollkornanteil erhöht.“ Allerdings gelte es dabei, behutsam vorzugehen, denn: „Sonst kaufen die Kunden das Produkt nicht mehr.“ Kühl erinnert sich an die Vorgabe eines englischen Kunden: „Bei einem Riegel sollte der Zuckergehalt von jetzt auf gleich von 35 auf 25 Prozent reduziert werden – die Verbraucher standen Kopf.“ Wenn dagegen der Zuckergehalt über acht bis zehn Jahre nur um geringe Prozentzahlen reduziert werde, komme man auch zum Ziel, nur merke der Verbraucher den Unterschied nicht, weil ihm der direkte Vergleich fehle. 

Die Kurve eines langen Fließbands, voll bedeckt mit Müsli, dahinter steht ein Mann mit Haube und Mundschutz. Bis zu 1,2 Tonnen Müsli pro Stunde kann der rund 50 Meter lange Stahlbandofen im Lüneburger DE-VAU-GE-Werk pro Stunde backen.

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Der Anteil von Zucker und Salz ist für Lebensmittelhersteller aber mehr als eine Geschmacksfrage. Beide Stoffe bringen Haltbarkeit. Zucker hat außerdem auch einen entscheidenden Einfluss auf die Struktur eines Produkts. „Wenn man bei einem Crunchy-Müsli den Zucker reduzieren würde, kann das dazu führen, dass es weniger knusprig ist“, erklärt Kühl. Die Rezepturen anzupassen brauche daher Zeit – und viel Erfahrung. „Wir sind ja mal als Gesundkostwerk gestartet. Unsere Riegel waren zu Beginn der Produktion ein Nischenprodukt, das nur in Bioläden und Reformhäusern zu finden war, bevor die DE-VAU-GE ab den 80er-Jahren für große Supermarktketten produzierte. Insofern haben wir schon viele Veränderungen mitgemacht und können unsere Rezepturen und die Produktion sehr flexibel anpassen.“

Nutri-Score-Algorithmus hat Schwächen

Bei allen Chancen, die der Nutri-Score für eine gesündere Ernährung bietet, erkennt Rüdiger Kühl mit Blick auf die eigene Produktpalette aber auch Schwachpunkte. „Zur Bewertung werden Nährstoffe mit ernährungsphysiologisch positiven und negativen Eigenschaften miteinander verrechnet. Zu den positiven zählen unter anderem Ballaststoffe – allerdings werden diese ab einem Anteil von mehr als 4,7 Prozent gleich bewertet. Unsere Cerealien und Müslis haben oft Ballaststoffgehalte von mehr als zehn Prozent, die nicht ausreichend berücksichtigt sind.“ Außerdem unterscheidet der Nutri-Score-Algorithmus beim Zuckergehalt nicht, ob der Zucker natürlicherweise in Zutaten wie Früchten enthalten ist oder bei der Verarbeitung zugeführt wird. „So werden unsere Fruchtschnitten – ein vollwertiges Lebensmittel mit rein natürlichen Zutaten – eher im roten Bereich liegen. Dabei ist Fruchtzucker nicht per se schlecht. Es kommt, wie bei allem, auf die Ausgewogenheit an.“ Sein Fazit: „Der Ansatz des Nutri-Scores ist sicherlich richtig und wichtig, aber in der Praxis eben nicht immer ganz zutreffend.“    

Der Nutri-Score

Nutri-Score-Logo: Grünes A bis rotes E

Der Nutri-Score gibt anhand einer 5-stufigen Farbskala von A bis E Auskunft über die Nährwertzusammensetzung eines Lebensmittels. Dazu werden Energiegehalt sowie ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Nähr- und Inhaltsstoffe miteinander verrechnet. Im Ergebnis steht das grüne A für eine eher günstige, das rote E für eine weniger günstige Nährstoffzusammensetzung des Produkts – gut sichtbar auf der Vorderseite von Verpackungen. Verbraucherinnen und Verbrauchern bietet der Nutri-Score so Orientierung und Hilfestellung beim Lebensmitteleinkauf. Unternehmen tragen mit der Kennzeichnung ihrer Produkte zu mehr Verbraucherinformation und Transparenz bei. 

Die Verwendung des Nutri-Scores ist für Unternehmen kostenfrei. Es fallen keine Lizenzgebühren an. Jedoch ist eine Registrierung und die Zustimmung zu den Nutzungsvereinbarungen der Inhaberin der Markenrechte erforderlich. Markeninhaberin ist die Santé publique France, eine nachgeordnete Behörde des französischen Gesundheitsministeriums. Santé publique France hat eine Markensatzung veröffentlicht, in der die Bedingungen zur Verwendung des Nutri-Score-Logos festgelegt sind.

Beschließt ein Unternehmen, das Logo für eine oder mehrere seiner Marken zu verwenden, ist es verpflichtet, es für alle Kategorien von Produkten zu nutzen, die es unter seinen im Nutri-Score registrierten Marken in den Verkehr bringt. Hierfür hat das Unternehmen in der Regel zwei Jahre Zeit. Diese und weitere Informationen zu rechtlichen und organisatorischen Fragen und zum Registrierungsprozess sind zu finden auf der Website des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft: bmel.de