Wie ethisch sind Tierversuche?

Eine weiße Ratte sitzt in einem Reagenzglas, das von Händen mit blauen Gummihandschuhen gehalten wird.
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Im Namen der Forschung werden hierzulande jährlich rund zwei Millionen Tiere in Tierversuchen eingesetzt, vor allem Mäuse und Ratten. Die rechtlichen Grundlagen regelt das Tierschutzgesetz. Aber ist legales Handeln immer auch ethisch richtig?

Die grausamen Bilder von blutenden Hunden und fixierten, schreienden Affen aus dem LPT – Laboratory of Pharmacology and Toxicology im Landkreis Harburg haben Menschen weltweit erschüttert, selbst die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall hat sich zu dem Fall geäußert. Brauchen wir mehr Ethik in der Wirtschaft?
Der gesellschaftliche Wunsch nach ethischem Handeln in der Wirtschaft ist definitiv da. Auf welchen Werten und Normen dieses jedoch basieren soll, wird in einer demokratischen Gesellschaft idealerweise im Diskurs ausgehandelt. Diesen sehen wir gerade beim Thema Tierversuche. Gesetze basieren auf einem kulturellen Konsens, der oft historisch gewachsen ist. Es gibt jedoch eine immer größere Vielzahl von Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Das Tierwohl ist eine Fragestellung, bei der es heute starke Differenzen gibt und die den bestehenden Konsens in Frage zu stellen scheint.

Die aktuelle Empörung kann einen Anlass bieten, unsere Werte und Normen zu überdenken.

Im Fall des Tierversuchslabors wird gerade geprüft, ob geltendes Recht eingehalten wurde. Ist legales Handeln immer auch ethisch richtig?
Nicht jede Handlung, die legal und somit durch Gesetze geschützt ist, ist auch legitim. Tierversuche sind in Deutschland unter bestimmten Vorlagen gesetzlich erlaubt, werden aber von einigen Bürgern abgelehnt. Ein Gesetz sagt lediglich aus, dass etwas legal ist. Die Frage ist, ob die Praxis, wie dieses Recht ausgeübt wird, auch legitim ist. Dazwischen gibt es einen großen Graubereich, in den auch die Frage des Tierwohls fällt. Tierversuche gelten in vielen Schichten der Gesellschaft als illegitime Praxis. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sich diese Sicht auf die Dinge gesamtgesellschaftlich durchsetzen wird. Aber natürlich kann die aktuelle Empörung einen Anlass bieten, unsere Werte und Normen in Bezug auf diese Thematik zu überdenken.

Was braucht es, damit sich ein gesellschaftlicher Konsens nachhaltig verändert?
In allererster Linie Zeit. Der gesellschaftliche Konsens ändert sich oft nur langsam. Das liegt vor allem daran, dass es um komplexe Interessensabwägungen geht. Gerade wenn argumentiert wird, dass Tierversuche etwa für Medikamente mitunter Menschenleben retten, müssen wir uns unter anderem fragen: Was hat für uns als Gesellschaft einen höheren Wert: das Tierwohl oder das Recht des Menschen auf Gesundheit? Das sind komplexe Fragen, deren Beantwortung Zeit braucht. Hinzu kommt, dass sich natürlich auch unser Wissensstand weiterentwickelt und neue Technologien bestimmte unternehmerische Praktiken überflüssig machen können. Dies wäre beispielsweise im Fall von Tierversuchen wünschenswert.

Der gesellschaftliche Konsens ändert sich oft nur langsam.

Wie ethisch wäre es, alternativ Produkte an Menschen zu testen, die sich freiwillig melden – aber womöglich aus finanzieller Not solche Versuche mitmachen?
Die Not von Menschen auszunutzen ist unethisch. Ein großes Problem, das wir in anderen Ländern tatsächlich sehen: Menschen, die eine Niere spenden, um mit dem Geld, das sie dafür bekommen, ihre Familie zu ernähren. In Deutschland werden Medikamente erst nach Jahren klinischer Forschung unter strengen Auflagen und der Kontrolle von Ethikkommissionen an Menschen in Kliniken getestet.

Skandale wie der beim LPT im Landkreis Harburg haben in der Vergangenheit schon oft dazu geführt, dass der Druck auf Konzerne so stark wurde, dass sie ihre Praxis änderten…
Das liegt daran, dass es auch gute ökonomische Gründe gibt, sich ethisch zu verhalten. Die Reputationsschäden einer unfreiwilligen Aufmerksamkeit durch die Skandalisierung einer unethischen Praktik können enorm sein. Zudem können hohe Kosten entstehen: In diesem Fall stehen die Lizenzen auf der Kippe, die Existenz des Labors ist gefährdet. Ein realer Impact ist also bereits zu erkennen.

Auftraggeber des jetzt in die Diskussion geratenen Labors war das Pharmaunternehmen Merck. Dort prüft man nun die Zusammenarbeit, argumentiert aber, dass Tierversuche „aus ethischer und wissenschaftlicher Sicht unerlässlich und gesetzlich vorgeschrieben“ seien. Ist es zulässig, ausgerechnet in diesem Fall auf ethische Gründe zu verweisen?
Es ist fraglich, auf welche Ethiktheorie sich da bezogen wird. Grundsätzlich ist es allerdings gerade für Pharmaunternehmen nicht einfach, allen Anspruchsgruppen gerecht zu werden. Aber: Tierversuche sind in Deutschland unter bestimmten Vorgaben erlaubt und vorgeschrieben, somit ist dieser Verweis nicht falsch. Allerdings unter der Prämisse, dass das Labor die gesetzlichen Vorgaben auch eingehalten hat.

Es gibt gute ökonomische Gründe, sich ethisch zu verhalten.

Würden strengere Gesetze oder Siegel helfen, unethisches Verhalten in der Wirtschaft zu verhindern?
Nicht unbedingt. Im Bereich Nachhaltigkeit gibt es bereits viele Regulierungen und Standards, und trotzdem erleben wir immer wieder, wie Unternehmen sich unethisch verhalten. Die Frage ist eher: Wie können Anreize geschaffen werden, sich ethisch zu verhalten? Andererseits müssen Gesetze konsequent durchgesetzt werden. Bezogen auf den Fall des Labors bedeutet das: Die staatliche Überwachung des Labors muss sichergestellt sein.

Marktwirtschaft ist ein profitorientiertes System. Schließen sich Gewinnmaximierung und ethisches Handeln in manchen Bereichen vielleicht aus?
Das würde ich generell verneinen. Es gibt genug gute Beispiele, wie Unternehmen ethisch, nachhaltig und profitorientiert agieren. Leider ist Ethik aber nicht einfach umzusetzen, und manche Industrien wie die Pharmazie stehen sicher vor besonderen ethischen Herausforderungen. Unternehmen können sich bei der Umsetzung von Ethik auf Frameworks, Modelle und Anhaltspunkte wie übergeordnete internationale Verhaltensstandards beziehen, die eine entsprechende Stoßrichtung geben können. Langfristig zahlt es sich aus, sowohl profit- als auch ethikorientiert zu arbeiten.

Leider ist Ethik nicht einfach umzusetzen, und manche Industrien wie die Pharmazie stehen sicher vor besonderen ethischen Herausforderungen.

Was können Unternehmen konkret tun, um ethisches Handeln zu implementieren?
Da gibt es unterschiedliche Ansätze. Ein Beispiel sind internationale Standards zum nachhaltigen Wirtschaften, die es gibt. Auch kleine und mittelständische Unternehmen können ihre Mitarbeiterschaft schulen, Managerinnen und Manager können ethisch vorbildlich handeln und ihre Mitarbeiter motivieren, sich ebenfalls so zu verhalten. An der Leuphana Universität haben wir die „Professional School“, an der es Weiterbildungsmöglichkeiten gibt, die auch ethische Fragestellungen einbeziehen.

umwelt

Eine Liste von Produkten ohne Tierversuche – darunter Putzmittel, Kosmetik, Lebensmittel und Tiernahrung – führt die Tierschutzorganisation Peta: kosmetik.peta.de