„Wir haben ein Umsetzungsproblem“

Tobias Kollmann
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Herr Kollmann, die Kritik am Standort Deutschland wächst: Technologien seien verschlafen worden, die weltgrößten Konzerne sitzen in den USA und China. Ist die deutsche Wirtschaft auf dem Weg in die zweite Liga?
Wenn man ehrlich ist, dann spielen wir im Hinblick auf die Digitalisierung schon jetzt in der zweiten Liga. In allen Digital-Statistiken liegen wir bestenfalls im Mittelfeld und auch bei der allgemeinen Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit drohen wir mittelfristig aus den Top Ten der Wirtschaftsnationen herauszufallen, wenn uns das Thema Digitalisierung nicht gelingt.

Teilen Sie die Skepsis derer, die sagen, Deutschland sei industriell nur in sogenannten alten Industrien stark – Auto, Chemie, Maschinenbau?
Das ist keine Skepsis, sondern traurige Gewissheit. Es gibt keinen digitalen Weltmarktführer aus Deutschland. Bestenfalls versuchen wir die bekannten Industrien nun zu digitalisieren, was aber meist in einer reinen Automatisierung von dem endet, was man schon kennt. Wirkliche digitale Innovationen mit disruptiven Geschäftsmodellen sucht man in unseren Breitengraden meist vergeblich.

Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft misst jährlich die Fortschritte der EU-Staaten auf dem Weg zur digitalen Wirtschaft: Die höchsten Werte haben 2019 Finnland, Schweden, die Niederlande und Dänemark erreicht. Was machen diese Länder besser als wir?
Sie setzten die Digitalisierung besser um! Wir haben im Hinblick auf die Digitale Transformation nirgendwo ein Erkenntnis-, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem. Und diese Umsetzung findet in diesen Ländern einfach konsequenter statt, weil sie zum einen kleiner sind, schon immer einen stärkeren Bezugspunkt zum Handel als zur Industrie hatten und daher nicht so sehr an alten Strukturen festhalten müssen. 

Wenn die Wirtschaft brummt, ist der Veränderungsdruck gering: Kann der „Exportweltmeister Deutschland“ den Rückstand noch aufholen?
Uns geht es wirtschaftlich betrachtet noch gut, vielleicht sogar zu gut. Dadurch sind wir aber leider nur im Verteidigungsmodus im Hinblick auf die digitalen Herausforderer aus den USA und Asien, die jedoch aus Konsumentensicht eben nur einen Mausklick entfernt sind und uns damit im digitalen Nacken sitzen. Da sich deren zugehörige digitale Plattformen zunehmend auch in die realen Geschäftsbeziehungen sprichwörtlich einklicken, geht es uns auch in den klassischen Branchen an den Kragen. Wer das außer Acht lässt, wird schnell vom realen Weltmeister zum digitalen Waldmeister.  

Sie beraten das Bundeswirtschaftsministerium als Vorsitzender des Beirates Junge Digitale Wirtschaft. Wie beurteilen Sie Ihren Einfluss auf die Politik? Fallen Ihre Empfehlungen auf fruchtbaren Boden?
Zugegeben, es ist nicht ganz einfach mit digitalen Themen die Aufmerksamkeit im politischen Kontext zu erzeugen, die sie dringend nötig hätten. Dort glaubt man immer noch, dass man mit dem Thema Digitalisierung keine Wahlen gewinnen kann. Trotzdem haben wir in den letzten Jahren einiges erreicht und verbessert, aber das reicht noch nicht, um in der Digitalisierung vorne mitzuspielen.

Braucht es ein Digitalministerium?
Wenn wir den Vorsprung der anderen im Bereich Digitalisierung aufholen wollen, brauchen wir einen großen Wurf für die Digitalpolitik in Deutschland und nicht das nächste Klein-Klein aus den verschiedenen, von den unterschiedlichen Parteien besetzten Ressorts. Dafür muss die Digitalisierung als eigenständiges Thema gleichberechtigt mit einem eigenen Ministerium und einem eigenen Budget an den Kabinettstisch. Das fordern wir schon seit vielen Jahren.

Mit welchen Themen beschäftigt sich der Beirat aktuell?
Natürlich steht das Thema „Digitale Plattformen“ und wie wir diese erfolgreich aus Deutschland heraus entwickeln können, ganz oben auf unserer Agenda. Aber auch die Umsetzung der bereits seitens der Bundesregierung angekündigten KI-Strategie (Anm. d. Red. KI steht für Künstliche Intelligenz) ist für uns ein wichtiges Thema. Hinzu kommen Fragen der Zusammenarbeit von klassischen Industrie-Unternehmen mit digitalen Start-ups. 

Breitbandausbau, Netzneutralität, Cyberkriminalität, Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz: Verlieren wir uns in zu vielen kleinteiligen Diskussionen?
Alle diese Themen sind wichtig! Aber sie werden oftmals isoliert und ohne die gegenseitigen Effekte auf alle Beteiligten in der digitalen Welt diskutiert. Beispiel Netzneutralität: Es kann nicht sein, dass diese aufgelöst wird, damit unsere großen Telekommunikationsanbieter ihre Bezahlschranken für den Datentransfer einführen können und damit gleichzeitig den Start-ups aus Europa ein weiterer Kosten-Stein für das schnelle Wachstum in den Weg gelegt wird. Beispiel DSGVO: Auch wenn diese Verordnung den Nachfrager mehr Datenschutz geben soll, so ist die Maßgabe der Datensparsamkeit gerade für unsere KI-Ambitionen natürlich mehr als hinderlich. Die digitale Welt ist eben sehr komplex.

Neue Produkte, neue Services – und vor allem neue Wettbewerber verändern die Spielregeln. Wie können deutsche Unternehmen in diesen Zeiten mithalten bzw. in Führung gehen?
Die Digitalisierung besteht aus den drei Komponenten von Wollen, Wissen und Machen. Unsere Unternehmen müssen die digitale Veränderung akzeptieren und diese selbst vollziehen wollen. Sie müssen aber auch das dafür notwendige Wissen haben, wie digitale Geschäftsprozesse und -modelle funktionieren. Am Ende geht es dann um die konsequente Umsetzung, auch wenn die sicherlich an der einen oder anderen Stelle weh tun wird. Insgesamt nennen wir das Digital Leadership und das muss in unseren Unternehmen deutlich stärker ausgeprägt sein.

In Diskussionen über die Digitalisierung wird oft die Angst vor dem „Jobkiller Digitalisierung“ thematisiert. Schreckgespenst oder ernst zu nehmende Gefahr? 
Richtig ist, dass die Digitalisierung etwa genauso viele Arbeitsplätze schaffen wie vernichten wird. Das Problem ist, dass die betroffenen Menschen nur in wenigen Fällen kompatibel zwischen diesen beiden Effekten sein werden. Der Lkw-Fahrer, der in Zukunft vielleicht nicht mehr gebraucht wird, weil das Fahrzeug autonom von A nach B fährt, kann nicht einfach zum hippen Coder umgeschult werden. Umgekehrt wird sich der Data Analyst oder der Content Manager ihre Stellen aussuchen können. Deswegen ist die Job-Frage im Hinblick auf die Betroffenheit je nach Blickwinkel eine Chance oder eben ein Risiko.

Die Großen diktieren nicht mehr die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen: Ein Satz, den Sie in einem Interview sagten. Haben Start-ups bessere Chancen, zu digitalen Leadern zu werden?
Schnelligkeit im Hinblick auf Digitalisierung ist nicht unbedingt eine Frage von Größe, sondern insbesondere von Struktur. Es gibt viele Beispiele, wo große Industrie-Unternehmen außerhalb der Kernorganisation eigene Digital-Units gegründet haben, um als Unternehmen mit zwei Geschwindigkeiten agieren zu können. Auch über Kooperationen mit Start-ups, können etablierte Unternehmen schnell in die Digitalisierung einsteigen.   

Welche Rahmenbedingungen sind nötig, damit mehr Start-ups durchstarten können bzw. mehr Deutsche zu Gründern werden?
Der Katalog an Maßnahmen wäre sicherlich zu lang, um ihn hier umfassend aufzuführen. Aber kurz gesagt: Wir brauchen die 3K‘s mit Köpfen, Kapital und Kooperation von und für Start-ups, Mittelstand sowie Industrie für digitale Geschäftsprozesse und -modelle. Das bedeutet: Wir brauchen Programme, Plattformen und Partnermodelle zwischen Start-ups, Mittelstand und Industrie, um die Sensibilisierung, Aktivierung und Vernetzung für eine wirkungsvolle Digitale Transformation vor Ort stattfinden zu lassen.

Sie selbst sind Mitgründer von AutoScout24. Ein Portal, das es seit über 20 Jahren gibt. Was sind die Pfeiler für langfristigen Erfolg in der digitalen Welt?
Da gilt es damals wie heute, dass man hier im Kern die 3R‘s adressieren muss mit Relevanz, Reichweite und Reaktion. Ist man mit seiner elektronischen Wertschöpfung so relevant für den Nachfrager, dass er das digitale Angebot haben möchte und auch bereit ist, dafür zu bezahlen? Kann ich die Reichweite meines digitalen Angebotes im Netz skalieren und so die Mengen- und Vernetzungseffekte zwischen meinen Nachfragern und mir adressieren? Und kann ich mein digitales Angebot immer wieder flexibel an die Bedürfnisse meiner Nachfrager anpassen und auf die ständigen Herausforderungen des digitalen Wettbewerbs zeitnah reagieren?   

Digitalisierung ist ein Begriff, der als Titel für zahllose Veranstaltungen, Diskussionsrunden und Vorträge dient. Welche Schlagworte werden die deutsche Wirtschaft in Zukunft darüber hinaus beschäftigen?
Ich denke da neben dem Digital Leadership natürlich an Blockchain, Künstliche Intelligenz (KI) und Predictive Analytics aber auch an GreenTech und Plattform-Ökonomie. So oder so, es bleibt auf alle Fälle spannend!