„Wir müssen Bisheriges radikal verändern“

Porträt Henning Vöpel
Foto: HWWI
Prof. Henning Vöpel, Direktor des Hamburger WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), zieht in der IHKLW-Reihe GedankenGut am 25. November ein Resümee der wirtschaftlichen Lage seit Ausbruch der COVID19-Pandemie.

Herr Prof. Vöpel, auch die regionale Wirtschaft in Niedersachsen hat mit den finanziellen Folgen der COVID-19-Pandemie zu kämpfen. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Die Belastung ist enorm. Mit Hilfe der staatlichen Hilfsgelder werden die Folgen zwar ein Stück weit abgefedert. Ich vermute aber, wir werden bald sehen, dass die Schäden doch größer sind, als wir es anfangs wahrhaben wollten. Wir werden uns damit abfinden müssen, dass ein wesentlicher Teil der Wirtschaft nicht so weiter machen kann wie vorher. Die erste Phase der Erholung ging recht schnell, die zweite gegen Ende des Jahres wird sehr mühsam werden. Und zwar unabhängig davon, ob wir eine ausgeprägte zweite Welle bekommen.

In einer Blitzumfrage unserer IHK Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) gaben mehr als die Hälfte der Unternehmen an, aufgrund der Pandemie mit einem Rückgang ihres Jahresumsatzes von mehr als 25 Prozent zu rechnen, ein Drittel sogar mit mehr als 50 Prozent. Sind diese Zahlen repräsentativ?
Sie erscheinen mir realistisch. Wir rechnen aktuell mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um rund sechs bis sieben Prozent. Einzelne Branchen und Unternehmen mussten über Wochen sogar mit bis zu 100 Prozent Umsatzausfall leben.

Einzelne Branchen und Unternehmen mussten über Wochen sogar mit bis zu 100 Prozent Umsatzausfall leben.

Bei anderen lief es besser. Nun müssen sich einzelne Branchen damit auseinandersetzen, unter den veränderten Bedingungen umzustrukturieren. Mir scheint die Bereitschaft, die neue Situation zu akzeptieren, noch nicht sehr ausgeprägt. Zu Beginn der Krise wurde oft betont, es sei eine Chance, bestehende Geschäftsmodelle zu überdenken. Von dieser angekündigten Kreativität ist noch nicht so viel zu sehen. Im Moment spüre ich eher die verzweifelte Hoffnung auf die Rückkehr zu alten Strukturen. Ich fürchte aber, in vielen Bereichen wird das auf absehbare Zeit nicht möglich sein.

Wen trifft es am härtesten, welche Branchen waren besonders unvorbereitet und sind kalt erwischt worden?
All diejenigen, die auf die physische Interaktion zwischen Menschen gesetzt haben, die technologisch nicht substituierbar ist: die gesamte Freizeitwirtschaft, die Gastronomie. Den Tourismus hat es wohl am härtesten getroffen, weil alle von einem Wachstumsboom ausgegangen sind. Nun ist es so, dass die Fluggesellschaften in den nächsten drei Jahren wohl kein einziges Flugzeug bestellen werden. Der Schock war hier wohl am allergrößten. Auch den Einzelhandel haben die Maßnahmen hart getroffen. Das liegt jedoch auch daran, dass alte Hausaufgaben nicht gemacht wurden. Es war schon vorher bekannt, dass der Einzelhandel in dieser Art und Weise und dieser Breite nicht überleben kann. Ich bin desillusioniert, wenn jetzt über eine Revitalisierung der Innenstädte gesprochen wird und gleichzeitig zu beobachten ist, dass es keine Konzepte gibt. Was wir jetzt brauchen, sind neue Ideen für die Innenstädte, den Einzelhandel, für gesellschaftliche Interaktion. Die sehe ich leider nicht.

An was denken Sie?
Da ist ganz klar eine Entwicklung: Unternehmen sparen 30 Prozent ihrer bisherigen Bürofläche ein. Im Einzelhandel hat sich der Umsatz pro Quadratmeter halbiert. Überall wird über eine Verringerung der Fläche nachgedacht. Das birgt Möglichkeiten, Quartiere ganz neu zu entwickeln, gesellschaftliche und soziale Interaktion in der Freizeit anders zu denken. Flächen anders zu nutzen. Wir müssen Konzepte zur Vernetzung von Lebensbereichen entwickeln, bisheriges radikal verändern, nicht bloß Geschäftsmodelle in Frage stellen. Das ist zu kurz gedacht und wird nicht reichen, um eine neue Idee für die Revitalisierung von Städten zu entwickeln.

Wie können Unternehmen besser für derartige Krisen vorsorgen?
Strukturwandel gab es immer. Wer mitgestalten will, muss früh dran sein und sich nicht zum Opfer der Entwicklung machen.

Wer mitgestalten will, muss früh dran sein und sich nicht zum Opfer der Entwicklung machen.

In Krisen gewinnen diejenigen, die agil und mutig und in offenen Strukturen unterwegs sind. Daher ist es wichtig, jetzt nicht in gewohnten Strukturen zu verharren, sondern diese aufzubrechen. Diese Krise wird nicht einfach vorbei gehen. Selbst mit einem Impfstoff wird es nicht wieder „wie früher“. Die Krise hat einen permanenten Veränderungsprozess ausgelöst. Dem müssen wir uns stellen.

Laut der IHKLW-Umfrage rechnet fast die Hälfte der Unternehmen erst im Verlauf des kommenden Jahres mit einer Rückkehr zur Normalität. Wird es diese überhaupt geben?
In vielen Bereichen eher nicht. Schon allein deshalb nicht, weil uns diese kollektive Erfahrung geprägt und verändert hat. Anfangs wurden oft Zusammenhalt und Solidarität beschworen, doch ich glaube, dass die gesellschaftlichen und ökonomischen Zielkonflikte härter werden. Dass wir eine Ent-Solidarisierung und auf internationaler Ebene eine Re-Nationalisierung erleben werden. Die Erfahrungen der Pandemie teilen wir mit Menschen weltweit, es ist ein gemeinsamer Referenzpunkt. Eine Rückkehr zum Zustand vor Corona ist in vielen Bereichen weder möglich noch wünschenswert.

Entscheidungen über staatliche Maßnahmen wurden lange „auf Sicht“ gefahren. Wie können Unternehmen trotz der enormen Unsicherheit handlungsfähig bleiben?
Das ist die ganz große Herausforderung. Diese Unsicherheit lässt sich nicht „überplanen“.Wir müssen lernen, mit dieser Unsicherheit produktiv umzugehen.

Wir müssen lernen, mit dieser Unsicherheit produktiv umzugehen.

Es ist entscheidend, die Art und Weise, wie wir Prozesse organisieren, umzustellen. Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb spricht von „Anti-Fragilität“: Demnach ist das Gegenteil von Fragilität nicht Robustheit, sondern die Fähigkeit, uns Krisen auszusetzen, um daran zu wachsen. Die Unsicherheit wird uns weiter begleiten, nicht nur aufgrund von Corona. Wir wissen nicht, wie sich Globalisierung, Digitalisierung oder Klimawandel weiterentwickeln. Von Unternehmen erfordert das mehr Agilität und Kooperationsbereitschaft.

Sollte der Staat dabei unterstützen?
Ja. Wir brauchen einen Staat, der handlungsfähig ist und Krisen managen sowie die Gesellschaft stützen kann. Andererseits brauchen wir eine freie Wirtschaft, die mutig und innovationsfähig ist. Vielleicht ist sogar ein neues Unternehmertum nötig, eines, das resilient und kreativ mit Veränderungen umgeht.

Viele rechnen mit einer nächsten Insolvenzwelle – welche Folgen hätte diese für die Regionen, die Kommunen, das ganze Land?
Dass wir neue Wege in die Zukunft finden müssen. Einige Regionen und Branchen werden relativ stabil und schnell wieder hochfahren. Andere werden langfristig mit den Folgen der Krise zu tun haben. Selbst solche Unternehmen, die uns überleben werden, haben einen riesigen Rucksack an Bürgschaften und Krediten mitzuschleppen. Gleichzeitig haben wir den Staat, der auch am Anschlag ist. Das wird eine riesige Herausforderung. Die wesentliche Frage für mich ist: Wie können wir aus der Krisenbewältigung, die vermutlich sehr zäh verlaufen wird, in eine Zukunftsgestaltung übergehen? Zukunftsthemen müssen nun umso fokussierter angegangen werden.

Ist das auch die Chance, die diese Krise für Wirtschaft und Gesellschaft birgt?
Das glaube ich. Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, Gelerntes und Bewährtes loszulassen. Viele Menschen haben Existenzängste, das ist begründet und verständlich. Deshalb soll es nicht zynisch klingen. Aber ich glaube, dass diese Krise uns die Chance gibt, neu über uns nachzudenken, denn sie hat Versäumnisse, Schwächen und Verwundbarkeiten offengelegt. Wenn wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen, können wir sogar gestärkt aus ihr hervorgehen.