„Die Atmosphäre wird partnerschaftlich werden“

Portrait von Joe Biden
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Am 20. Januar wird Joe Biden als neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt werden.

Portrait von Dietmar Rieg Dietmar Rieg ist seit 2013 Präsident und CEO der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer (GACC NY) in New York.

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Welche Veränderungen erwarten Sie durch den neuen US-Präsidenten Joe Biden in Bezug auf die US-Handelspolitik?
Biden wird seine Politik nicht eins zu eins umsetzen können, weil er vermutlich keine Mehrheit im Kongress hat. Es wird viele Kompromisse geben, und wir werden keine großen wirtschaftspolitischen Würfe sehen. Aber es wird einen neuen Ton und eine neue Rhetorik geben. Die Atmosphäre wird partnerschaftlich und konstruktiv werden. Internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation WTO werden voraussichtlich wieder gestärkt. Biden hat bereits angekündigt, dass er dem Pariser Klimaabkommen so schnell wie möglich wieder beitreten möchte. In der Handelspolitik ist und bleibt China für die Amerikaner das alles beherrschende Thema.

Die transatlantischen Beziehungen haben unter Handelspolitik von Donald Trump gelitten. Welches Erbe tritt Biden an?
Trotz der Handelspolitik der Trump-Regierung ist der Handelsüberschuss der EU mit den USA seit seinem Amtsantritt im Januar 2017 tatsächlich stetig gestiegen. Ende 2019 lag er bei 152,6 Milliarden Euro. Das amerikanische Warenhandelsdefizit mit der EU erreichte Ende letzten Jahres einen Höchststand von 178,4 Milliarden US-Dollar. Und ich gehe davon aus, dass EU-Unternehmen mit Niederlassungen in den USA auch weiterhin von der 2017 verabschiedeten US-Steuerreform profitieren werden.

Wie werden sich die wirtschaftlichen Beziehungen der USA zur EU entwickeln?
Es ist noch etwas zu früh, mit Sicherheit zu sagen, wie die kurz- und langfristigen Entwicklungen aussehen werden. Dabei ist davon auszugehen, dass sich die Handelspolitik durch den neuen Präsidenten in einigen Bereichen positiv entwickeln wird. Gleichwohl werden sich auch unter Biden die Handelskonflikte zwischen den USA und der EU nicht automatisch in Luft auflösen. Die USA sind sich bewusst, wie wichtig die EU für die amerikanische Wirtschaft ist. Die EU wird weiterhin der größte offene Markt für die USA bleiben. Es wird Bereiche geben, in denen eine Annäherung zwischen der EU und den USA unabhängig vom Wahlergebnis erforderlich sein wird, einschließlich des Boeing-Airbus-Konflikts, dem Datenschutz und der Fairness bei der Besteuerung großer digitaler US-Unternehmen und natürlich der Umweltschutzpolitik.

Welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie auf die wirtschaftliche Entwicklung in den USA?
Vor der Pandemie ging es der US-Wirtschaft sehr gut. Die Arbeitslosigkeit war auf einem 50-Jahrestief und die Inflation lag ebenfalls unter dem Ziel der Federal Reserve Bank von zwei Prozent. Da jedoch ein erheblicher Teil der US-Wirtschaft still stand, war bereits im zweiten Quartal 2020 ein Rückgang des Wirtschaftswachstums um erstaunliche 31,40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen – so viel wie seit der Weltwirtschaftskrise 2008 nicht mehr. 

Welche Unternehmen sind am stärksten betroffen? Gibt es branchenspezifische Unterschiede?
Die COVID-19-Pandemie hat besonders kleine Unternehmen stark getroffen, die die Mehrheit der Unternehmen in den Vereinigten Staaten repräsentieren und fast die Hälfte aller Arbeitsplätze des privaten Sektors. Der Umsatz von Kleinunternehmen ist seit Januar um etwa 20 Prozent gesunken. Bei näherer Betrachtung der Branchen zeigt sich, dass die Sektoren Finanzen und Wohnungsbauweitgehend unberührt blieben. Hersteller sogenannter langlebiger Güter wie Autos waren von den coronabedingten Schließungen zwar betroffen, aber die restriktiven Maßnahmen wirkten sich nicht nachhaltig auf das Konsumverhalten der Amerikaner aus, sodass sich diese Branchen relativ schnell erholten. Dagegen werden sich beispielsweise die Veranstaltungswirtschaft und der Tourismus erst erholen können, wenn es einen Impfstoff gibt.