Wolfsburg wird zur Smart City

Eine blaue Grafik zeigt Gebäude, am Himmel sind Icons wie ein Mailbriefumschlag oder ein WLAN-Symbol zu sehen, im Vordergrund Menschen.
Grafik: shutterstock.com
Ziel des Projekts #WolfsburgDigital: Durch Digitalisierung den Lebensstandard der Menschen zu erhöhen und die Wirtschaft zu stärken.

Jahrelang stand er leer, der Kasten am Wolfsburger Nordkopf: die Markthalle. Jetzt wird das Überbleibsel aus den analogen Zeiten des großen Hertie-Kaufhauses zum digitalen Herz der Stadt. Als „Raum für digitale Ideen“ im März eröffnet, passiert hinter der Fassade aus rotem Backstein und Glas etwas, das Modellcharakter für ganz Deutschland hat: Eine Stadt wird smart.

17 Millionen Euro fließen in die Smart City Wolfsburg

Bereits 2016 haben sich die Stadt und der Volkswagen-Konzern zusammengetan, um zu dem zu werden, was sie heute sind – Teil des Programms „Modellprojekte Smart Cities: Stadtentwicklung und Digitalisierung“, gefördert vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat. Insgesamt werden bis zu 17 Millionen Euro von Berlin nach Wolfsburg fließen, die niedersächsische Stadt ist eine von insgesamt 13 Regionen, darunter drei Großstädten, die Erfolg mit ihrer Bewerbung hatten.

Im Herz des Projekts, der Markthalle mit ihrem neuen Untertitel „Raum für digitale Ideen“, sollen alle digitalen Adern der Stadt zusammenlaufen. Gleichzeitig ist sie das sicht- und greifbarste Beispiel dafür, was es bedeuten kann, wenn eine Stadt intelligent wird.

Mehrwert für die Menschen und die Wirtschaft

Porträt Dennis Weilmann Dennis Weilmann, Erster Stadtrat von Wolfsburg und Dezernent für Wirtschaft und Digitalisierung

Foto: Stadt Wolfsburg, Lars Landmann

Wolfsburg ist eine Smart City, wenn wir durch Digitalisierung erreicht haben, den Lebensstandort für die Menschen noch attraktiver zu machen und die Wirtschaft zu stärken.“ Das sagt Wolfsburgs Erster Stadtrat Dennis Weilmann. Dass es der Stadt ernst ist mit ihrem Modellprojekt, zeigt seine Arbeitsplatzbeschreibung: Weilmann ist unter anderem Dezernent für Wirtschaft und Digitalisierung, die Stelle ist eigens für diesen Prozess Anfang 2018 geschaffen worden.

Außerdem gibt es einen Beirat für Digitalisierung, organisiert vom ebenfalls 2018 neu gegründeten Referat für Digitalisierung und Wirtschaft. Der Beirat besteht aus Vertretern der Fraktionen und Fachleuten aus verschiedenen Bereichen, tagt öffentlich und bereitet die Beschlüsse für den Rat der Stadt vor. 

 „Digitalisierung ist nichts, was wir um ihrer selbst willen wollen“, erklärt Weilmann. „Wir setzen #WolfsburgDigital um, weil die Projekte einen Mehrwert für die Menschen und die Wirtschaft bringen. Die Smart City Wolfsburg soll nicht über möglichst viel Technik verfügen, die letztlich niemand nutzt. Alles, was wir entwickeln, entwickeln wir daher gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern.“

Für mehr gesellschaftliche Partizipation soll zum Beispiel eine Online-Beteiligungsplattform entstehen, ein weiteres erstes Projekt ist eine offene Datenplattform gemeinsam mit der Stadtwerke Wolfsburg AG. Sie wird zurzeit mit ersten Daten gefüttert: zum Beispiel Umweltdaten, Daten über Verkehr und Mobilität, Bevölkerungsstrukturen, Geodaten und Statistiken sowie Angaben zu Elektroladestationen.

Neue Geschäftsmodelle und Testfeld für autonomes Fahren

„Diese Daten werden für jeden einsehbar sein“, sagt Dennis Weilmann. „Für sich genommen mögen sie unspektakulär sein. Die Kombination wird es sein, die sie so interessant macht. Wir versprechen uns davon, dass Gründer aufgrund der verknüpften Daten neue Geschäftsmodelle entwickeln können.“

Andere Bereiche sind die Förderung der Elektromobilität und das autonome Fahren. Dafür ist an der Heinrich-Nordhoff-Straße bereits ein Testfeld für digitale Mobilität entstanden mit zehn Ampelanlagen, die auf Basis des Funknetzwerks ITS-G5 (pWLAN) über die sogenannte Car2-X-Technologie mit den entsprechend ausgerüsteten Fahrzeugen kommunizieren: Die Ampel meldet dem Fahrzeug zum Beispiel, wann ihre nächste Grünphase beginnt, sodass der Bordcomputer die optimale Annäherungsgeschwindigkeit ausrechnet.

Der neue Golf 8 und alle folgenden Fahrzeuge werden serienmäßig mit dieser Technologie ausgerüstet sein. „In diesem Bereich zeigt sich unser Standortvorteil sehr deutlich, den wir mit dem Hauptsitz der Volkswagen AG haben“, sagt Weilmann. „Die Rahmenbedingungen für Reallabors für digitale Mobilität sind wirklich gut. Dazu zählt auch, dass wir zu den Modellregionen für den Mobilfunkstandard 5G gehören.“

Programm Smart Cities soll Arbeitskraft sichern

Angelegt ist das Programm „Smart Cities“ auf insgesamt 6,5 Jahre: bis Frühjahr 2021 für die Erarbeitung der Strategie, fünf Jahre für die Umsetzung. Parallel zur Strategieentwicklung entstehen bereits die ersten Starterprojekte wie etwa die Online-Beteiligungsplattform, die Datensammlung oder auch eine geplante Smart-City-App, die sämtliche Dienstleistungen der Stadt in sich vereinen soll.

Für die lokale Wirtschaft bedeutet die Modellregion nicht nur Aufträge, die im Zusammenhang mit der Umsetzung digitaler Projekte entstehen. Es bedeutet mittel- und langfristig auch die Sicherung von Arbeitskraft, so Weilmann: „Die Arbeit wird sich verändern, wir werden Fachkräfte in Wolfsburg brauchen. Daher wollen wir als Kommune so attraktiv wie möglich als Lebensstandort sein.“

Doch bevor Wolfsburg zur Smart City werden kann, bedarf es der entsprechenden Infrastruktur. Das bedeutet Glasfaser-Internet für die ganze Stadt. „Jeder einzelne Haushalt soll angeschlossen sein“, gibt Weilmann das Ziel vor. Bislang sind mehr als 50.000 der insgesamt rund 80.000 Wohneinheiten am Glasfasernetz, die übrigen sollen in den nächsten Jahren folgen.

Verein Diges fordert mehr Tempo beim Glasfaserausbau

Porträt Christoph Steindorff Christoph Steindorff, Vorsitzender der 2018 gegründeten „Digitalen Gesellschaft Wolfsburg.

Foto: privat

Als „riesengroße Chance“ bezeichnet den Auf­bau dieser Infrastruktur Christoph Steindorff. Der Vorsitzende der „Digitalen Gesellschaft Wolfsburg“ (DIGES) kritisiert allerdings das Tempo des Glasfaserausbaus: „Das müsste schneller gehen“, sagt der Vertreter der lokalen IT-Wirtschaft. „Mancherorts liegt das Kabel bereits, wird aber nicht geschaltet. Gerade in der Zeit der coronabedingten Home­office-Arbeit haben wir gemerkt, wie notwendig schnelles Internet ist – für alle.“

Und noch etwas fehlt Wolfsburg auf dem Weg zu einer smarten Stadt, sagt der Vorsitzende des 2018 gegründeten Vereins „DIGES“: Das sei ein Institut für Informatik. „Die Szene der jungen Informatiker und Mediendesigner liegt in Braunschweig“, sagt Steindorff. „Wenn wir Smart City sein wollen, brauchen wir entsprechend ausgebildete Leute. Wir brauchen Studenten, die hier lernen und leben und Impulse geben.“

Um junge Menschen für IT und Digitales zu begeistern, möchte die „DIGES“ zukünftig auch die Markthalle mit bespielen – zum Beispiel mit Projekten wie Roboter-Bauen für Kinder und Jugendliche, wie sie es bereits gemeinsam mit der Jugendförderung im Wissenschaftsmuseum „Phaeno“ getan hat.

Corona-bedingt musste die Markthalle zwar kurz nach ihrer Eröffnung zunächst wieder schließen. Doch das Leben im „Raum für digitale Ideen“ wird weitergehen – ob es eine Smartphone-Schule für Ältere ist oder die für Herbst geplante zweite Auflage des Festivals für Digitales, Kunst und Kultur, die „Phaenomenale“. Denn ohne Kreativität, weiß Dezernent Dennis Weilmann, ist Digitalisierung nur halb so interessant. „Kunst und Kultur machen Digitales erlebbar.“