„Wünsche mir, dass das Geschlecht keine Rolle spielt“

Leonie Behrens arbeitet in einem Bereich, in dem Zuliefererfirmen wie selbstverständlich zu Weihnachten Pin-Up-Kalender schicken. Als sie diese in Schlosserei und Werkstatt entdeckte, war sie zunächst fassungslos. „Die Kollegen meinten, ich solle mir doch einfach nackte Männer in mein Büro hängen – aber darum geht es mir gar nicht. So etwas hat im beruflichen Kontext einfach nichts zu suchen.“ Das Thema habe sie „viel Engagement, Überzeugungsarbeit und am Ende Durchsetzungsvermögen“ gekostet. Nun hängen keine Nacktbilder mehr an den Wänden.

Behrens, Jahrgang 1984, ist seit 2017 Geschäftsführerin bei der E-Cap Mobility GmbH in Winsen-Luhe, die Fahrzeuge auf Elektroantrieb umrüstet. „Anfangs war ich allein, habe aber schnell gemerkt, dass das nicht zu stemmen ist“, so Behrens. Sie war sich nicht zu schade, Hilfe zu suchen und teilt sich die Geschäftsführung nun mit zwei Männern – dem früheren Betriebsleiter, der sich um die technische Seite kümmert, und dem Investor, der die strategische Richtung vorgibt. Sie selbst ist für den gesamten kaufmännischen Bereich zuständig.

Diese Konstellation sei nicht immer einfach. „Es ist oft so, dass meine Kollegen Ideen haben und diese sofort umsetzen möchten. Ich muss dann reingrätschen und alles Organisatorische drumherum zu bedenken geben, Leute mit ins Boot holen, zwischen Abteilungen kommunizieren und vermitteln. Da fühle ich mich oft wie eine Spaßbremse.“ Das aufgebaute Knowhow im Unternehmen zu halten, weiter zu entwickeln und gleichzeitig die langfristige Strategie im Blick zu behalten, sei ein täglicher Spagat. Insgesamt empfinde sie es aber als Bereicherung, ein gemischtes Team an der Spitze zu haben.

Leonie Behrens auf Lkw Foto: tonwert21.de

Das Unternehmen leistet indes Pionierarbeit: „Ein großer Bereich ist das Fahren mit Wasserstoff, der aus Windenergie gewonnen wird“, sagt Leonie Behrens: „Unsere Arbeit ist sehr technisch, wir bewegen uns immer noch in einer Nische und einem sehr männlich geprägten Umfeld.“ Das spiegelt sich auch im Unternehmen wider: Von den 50 Angestellten sind nur fünf Frauen. „In der Werkstatt, bei den Ingenieuren und Softwareentwicklern haben wir nur eine einzige Frau, auch unsere vier Azubis sind Männer. Dabei sind wir ständig auf der Suche nach Frauen mit technischem Background, finden aber keine.“ Sie findet: Je heterogener das Team, desto höher der Output.

Im täglichen Geschäft habe sie den Eindruck, dass ihr Geschlecht immer noch eine übergeordnete Rolle spielt. „Ich bin immer mal wieder in Situationen, in der mich mein Gegenüber nicht ernst nimmt. Aber dann freue ich mich fast schon, weil ich es mag, aus der Underdog-Position heraus zu trumpfen.“ Behrens hat mit ihrem Master in Kulturwissenschaften und dem Diplom in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zwei Universitätsabschlüsse, ist technisch interessiert und hat Lehrerfahrung. Sie sagt: „Ich wünsche mir, dass die Kategorien „typisch männlich / typisch weiblich“ im beruflichen Kontext keine Rolle mehr spielen und sich alle unabhängig vom Geschlecht gleich sachlich behandeln. Aber mir ist bewusst, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist.“