Arbeiten, wie wir es wollen

Leonie Müller, 29, arbeitet freiberuflich als Unternehmensberaterin und Autorin. 2020 hat sie in Berlin das „Zentrum für Neue Arbeit“ nach dem Vorbild des New-Work-Erfinders Frithjof Bergmann (1930-2021) gegründet.

Frau Müller, vor sechs Jahren kündigten Sie Ihre Wohnung und kauften stattdessen eine Bahncard 100. Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?
Ich war Studentin und hatte Ärger mit meiner Vermieterin. Der Wohnungsmarkt in meiner Studienstadt Tübingen war schwierig. Ich überlegte, wie oft ich eigentlich in meiner Wohnung bin. Außerdem bin ich vor meinem Studium neun Monate lang auf Weltreise gewesen und habe aus meinem Rucksack gelebt. Ich dachte: Warum nicht noch einmal, nur diesmal in Deutschland und inklusive Studium? Vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung vergingen drei Wochen.

Zurzeit lebt und arbeitet Leonie Müller in einem Van.

Foto: privat

Und die bürokratisch-pragmatischen Dinge? Wie lösten Sie die?
Ich war bei meiner Familie in Bielefeld gemeldet, genau wie jetzt auch. Ich habe Familie und Freunde zwischen Hamburg und dem Bodensee. Bei ihnen habe ich viel übernachtet – und geduscht (lacht).

Es hat offensichtlich gut funktioniert! Sonst hätten Sie nicht insgesamt vier Jahre im Zug gelebt. Und jetzt?
Jetzt lebe und arbeite ich seit einigen Monaten in einem Van. Den Transporter baue ich so um, dass ich darin auch Coachings anbieten kann. Während meiner Zeit in der Bahn habe ich gemerkt, wie viele Menschen sich für diese Lebensform interessieren. Sie fanden es komisch, aber auch faszinierend. Viele hat es auch sehr irritiert.

Leider ist New Work zu einem Modebegriff geworden, unter dem jeder etwas anderes versteht.

Vom mobilen Studium zur mobilen Arbeit, kann man sagen. Sie sind als systemische Beraterin selbstständig und halten Vorträge zum Thema „New Work“. Wie definieren Sie den Begriff?
Leider ist New Work zu einem Modebegriff geworden, unter dem jeder etwas anderes versteht: von schöneren Büromöbeln über Homeoffice, flexiblen Arbeitszeiten und anderer Bezahlung, neuen Modellen für Zusammenarbeit wie Agilität und Selbstorganisation bis zu neuen Modellen von Work-Life-Blending (Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben, Anm. d. Red.) und der Vereinbarkeit mit dem Familienleben.
Dabei stammt der Begriff schon aus den 80er-Jahren. Der Philosoph und Anthropologe Frith­jof Bergmann hat ihn in seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ 2004 etabliert. Ihm ging es darum, dass Arbeit etwas sein sollte, das man „wirklich, wirklich will“. Ich sehe es kritisch, dass New Work als Megatrend bezeichnet wird, denn alles, was gehyped wird, wird irgendwann durch neue Trends ersetzt. Die Veränderung der Arbeitswelt ist aber permanent.

In ihrem Van bietet Leonie Müller auch Coachings an.

Foto: privat

Was ist New Work denn für Sie selbst?
Ich definiere New Work als zeitgemäßes Arbeiten. Und es geht wie bei Bergmann um die Frage, was jeder Einzelne wirklich will. Darum, dass Arbeit nicht wie eine „milde Erkältung“ sein darf, die man eben aushält. Viele wissen aber gar nicht, was sie wirklich wollen. Bergmann nannte das die „Armut der Begierde“. Die Menschen sind montags schlecht gelaunt, weil die Arbeit sie nicht zufrieden macht.

Sollte ich als Unternehmen also auf den Trend New Work setzen?
Nein, nicht auf den Trend. Auf den Gedanken an sich schon. Als Erstes gilt es, New Work für das eigene Unternehmen zu definieren. Mache ich das nicht, wird jeder etwas anderes da­runter verstehen: Der eine rechnet mit neuen Büromöbeln, die andere denkt an erzwungene Agilität. Manche werden sich sogar vom Unternehmen abwenden, weil sie Angst davor oder keine Lust dazu haben.

Finden denn nicht alle das Neue toll?
Nein. Es wird immer auch das Alte geben. Nicht jeder möchte eigenverantwortlich und selbstbestimmt, kreativ und mobil arbeiten. Auch in meiner Generation gibt es Menschen, die an einem festen Schreibtisch sitzen möchten und klare Arbeitsaufträge wollen. Nicht jeder ist agil, flexibel und innovativ. Ich kenne Leute, die jetzt kündigen, weil ihr Arbeitgeber das Homeoffice nicht verlängern will. Und ich kenne Leute, die kündigen, weil ihr Arbeitgeber ankündigt, dass ab jetzt alles selbstorganisiert laufen soll.

Wir sollten gucken: Was vom Alten funktioniert gut? Und was vom Neuen?

Es geht also gar nicht um die große Wende?
Ich spreche anstatt von Transformation lieber von Dilatation. Dilatation bedeutet Ausdehnung. Statt von A nach B zu shiften, werden wir A und B gleichzeitig haben. Wir sollten gucken: Was vom Alten funktioniert gut? Und was vom Neuen? Außerdem sollte uns bewusst sein, dass Veränderungen anstrengend und verwirrend sind. Es geht darum, viel loszulassen, was man bisher dachte. Gleichzeitig sollte man es nicht kaputtreden.

Neues haben Unternehmen und Angestellte seit Beginn der Corona-Pandemie wohl so schnell und viel ausprobiert wie noch nie.
Das stimmt. Ohne die Pandemie wären wir in 50 Jahren im Bereich mobile Arbeit noch nicht da, wo wir heute sind. Das ist eine Chance. Gleichzeitig liegt darin ein Risiko: dass Menschen das Homeoffice als chaotisch empfanden, weil es so ungeplant und kurzfristig entstand, und es daher nicht wollen.

Mit mehr Zeit für Planung und Vorbereitung: Welche Fehler beim Einführen von New-Work-Themen können Unternehmen vermeiden?
Sie sollten als Erstes festlegen, was genau sie einführen wollen. Und dabei nicht den Fehler machen, zu denken, als Inhaber oder als Führungskraft diese Vision ganz allein entwickeln und an die Leute bringen zu müssen. Viel besser ist es, die Belegschaft einzubeziehen: Die Leute haben so viel Wissen, so wertvolle Erfahrungen und so viele Ideen! Sie sind ein Schatz. Ich halte auch wenig von der Formulierung, die Mitarbeiter „mitzunehmen“. Die Mitarbeiter sind ja keine Fahrgäste. Sie sind der Bus.

Das klingt beinahe nach Unternehmenskultur.
Genau. Vieles, was unter dem Begriff New Work heutzutage geschieht, ist Organisationsentwicklung und Kulturveränderung, und ich plädiere dafür, das dann auch so zu nennen. Zentral sollte immer die Frage sein: Welches Problem wollen wir lösen? Einfach nur „New Work“ auszurufen und ihren Erfolg messen zu wollen, geht nicht. Für Unternehmen gilt es primär, handlungsfähig zu bleiben. Wie verändern sich meine Produkte und Dienstleistungen? Wie empfinden meine Mitarbeitenden die Arbeit? Gerade mit dem demo­grafischen Wandel lautet die Frage: Habe ich in 10 oder 15 Jahren noch ausreichend Fachkräfte?

Zentral sollte immer die Frage sein: Welches Problem wollen wir lösen? Einfach nur „New Work“ auszurufen und ihren Erfolg messen zu wollen, geht nicht.

Wir sollten also nicht zu viel auf Modebegriffe hören?
Und auf Heilversprechen. Glauben Sie nicht daran, zu sagen, wir führen jetzt Agilität ein und dann wird alles super. Das wird nicht funktionieren. Und mit jedem gescheiterten Transformationsversuch werden die Leute genervter und müder. Gleichzeitig sollten Sie nicht zu schnell aufgeben. Veränderungen brauchen Geduld.

Was sagen Sie Unternehmern, die New Work eben doch als bloßen Modebegriff abstempeln, von dem in ein paar Jahren eh niemand mehr reden wird und mit dem sie sich daher nicht zu beschäftigen brauchen?
Mein Tipp ist: Überall, wo jetzt „New Work“ steht, den Begriff mit „zeitgemäßes Arbeiten“ zu ersetzen und zu analysieren, was zeitgemäßes Arbeiten für mich selbst, mein Unternehmen und meine Mitarbeiter bedeutet. Dann wird vermutlich jeder an einen Punkt kommen, an dem irgendetwas nicht mehr zeitgemäß ist. Und darauf könnte man dann einmal ein Auge werfen.

Sicher ist das auch eine Generationenfrage. Zum zeitgemäßen Arbeiten zählt heute auch Zeit für Familie und Freunde. Freizeit.
Richtig, das mag für manche aus einer anderen Generation schwer verständlich sein. Wir Jüngeren wirken dann faul. Doch kann es helfen zu überdenken, aus welcher Zeit man selbst kommt: Wie bin ich aufgewachsen? Was hat mich geprägt? Was macht mich zufrieden? Das kann zu der Erkenntnis führen, dass ich selbst genauso Kind meiner Zeit bin wie die Jüngeren es sind. Und vielleicht stelle ich sogar fest, dass auch ich einiges aus meinem bisherigen Leben nicht mehr zeitgemäß finde. Selbst wenn das nicht der Fall ist, werden wir allein aufgrund der Demografie mittelfristig vor der Aufgabe stehen, dass es Arbeit gibt, die erledigt werden muss. Und dafür brauchen wir gesunde Menschen, die gern arbeiten. Sinn, Spaß und Freude an der Arbeit sind daher kein romantischer Selbstzweck, sondern die Grundlage dafür, dass unser gesellschaftliches (Renten-)System weiter funktioniert. Weil wir es sind, die es zukünftig tragen werden.