Ziele erreichen bedeutet Menschen erreichen

Pilot und Autor Philip Keil vor einer Turbine.
Foto: Philip Keil
Pilot und Autor Philip Keil spricht am 27. November beim Jahrestreffen der IHK-Netzwerke in Lüneburg über Führung, Fehler und Wachstum.

Herr Keil, was können Unternehmer von Piloten lernen?

Eine Menge! Schwierige Entscheidungen treffen, auf plötzliche Veränderungen als Team reagieren, vorausschauend handeln und dabei klar und offen kommunizieren – all das müssen auch die „Kapitäne“ in den Unternehmen beherrschen. Vor allem aber der Umgang mit Fehlern ist entscheidend. Am Boden wie in der Luft führt nicht eine Fehlhandlung zum Crash, sondern meist das Fehlen einer Handlung. Handeln setzt voraus, dass wir die Situation akzeptieren, wie sie ist. Wer noch hadert, handelt nicht. Handeln bedeutet Verantwortung übernehmen. Unternehmen und Flugzeuge stürzen nicht ab, weil der Einzelne einen Fehler macht, sondern weil niemand im Team den Fehler sieht. Oder sehen will. So führt ein Fehler zum nächsten, die Situation verschärft sich – eine gefährliche Fehlerkette.

Wie führe ich mich und mein Team, wenn es turbulent wird?

Man fand heraus, dass in 80 Prozent aller Abstürze der 70er- und 80er-Jahre ein erfahrener Kapitän am Steuer saß. Der Grund: die Teamdynamik verändert sich, wenn der Chef einen Fehler macht. Es braucht schon einen mutigen Co-Piloten, das klar anzusprechen. Heutzutage wechseln die Piloten auf jedem Flug die Positionen. Der „Pilot Flying“ ist für die Steuerung und die gesamte Planung des Fluges zuständig. Der „Pilot Monitoring“ führt die Kommandos aus und unterstützt seinen Kollegen. Auch in Unternehmen hat sich gezeigt, dass ein Team zwar eine klare Rollenverteilung brauchen, aber gleichzeitig keine Machtdistanz aufgrund steiler und starrer Hierarchien herrschen darf.

Buchcover Philip Keil Gebundene Ausgabe: 272 Seiten, Verlag: Raffler Verlag, Auflage: 1 (18. April 2019), Sprache: Deutsch ISBN: 978-3-9816118-9-2, Gebundene Ausgabe: EUR 24,95

Wie wichtig ist Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten?

Vertrauen ist der Treibstoff für Erfolg. Für alles im Leben. Aber Vertrauen kommt nicht über Nacht. Je öfter wir uns trauen, Herausforderungen anzugehen und dabei auch Fehlschläge in Kauf nehmen und als Lernchance nutzen, desto stärker wird unser Selbstvertrauen. Vertrauen kommt von sich trauen. Wenn ich aus all den heiklen Situationen dort oben über den Wolken eines gelernt habe: Persönliches Wachstum findet immer außerhalb der eigenen Komfortzone statt.

Welche Kraft steckt im Umgang mit Fehlern?

Die meisten Menschen sprechen nicht gerne über Fehler. Deshalb mache ich das. In meinem Buch und in meinen Vorträgen. Weil wir uns erst durch unsere Fehler richtig kennenlernen. Fliegen ist heute nur aus einem Grund so unfassbar sicher: weil jeder Absturz genau analysiert wird und so ein Fehler kein zweites Mal passiert. Fehler und Rückschläge sind die Momente, in denen wir wachsen, ohne es zu merken. Denn unser Gehirn speichert diese besondere Erfahrung, was wiederrum fortan Einfluss auf das Unbewusste hat, ganz im Gegensatz zu Routinetätigkeiten und Situationen, wo alles wie erwartet nach Plan lief. Wenn ich mich also der unschönen Erfahrung stelle, entwickle ich mich weiter.

Piloten setzten sich vor dem Flug ein „Gate“: Warum ist schnelles Reaktionsvermögen auch für Führungskräfte so wichtig?

Wenn ich mir erst Gedanken über meinen Plan B mache, wenn schon alle Warnlampen blinken, ist es zu spät. „Ahead of the airplane“ nennen Piloten diese Form des vorausschauenden Denkens und Handelns. Checklisten, Briefings und Trainings im Flugsimulator sorgen dafür, dass wir auch in Notfällen gemeinsam ruhig und organisiert eine neue Lösung finden. Unternehmen sind meist zu sehr mit dem „Daily Business“ beschäftigt, um über mögliche Turbulenzen und Ihre Antwort darauf nachzudenken. Aber auch am Boden zeigen sich gute „Piloten“ nicht bei eitel Sonnenschein.

Man sagt, persönliches Wachstum findet immer außerhalb der eigenen Komfort-Zone statt. Stimmt das?

Natürlich. Wenn immer alles glatt läuft, werde ich auch weiterhin das tun, was ich schon immer getan habe. Meine Entwicklung? Null. Ein Beispiel aus meinem Leben: Wenn Sie als junger Co-Pilot das erste Mal 70-Tonnen mit 300km/h auf den Asphalt setzen sollen, ist das erstens definitiv ein außergewöhnlicher Moment. Und zweitens ist es definitiv keine butterweiche Landung. Auch nicht beim zweiten, fünften oder 20. Mal. Das ist nicht schön und kratzt am Ego. Aber wissen Sie was? An meine weichen Landungen erinnere ich mich nicht mehr, an die harten bis heute. Wer neue Wege geht lernt nun mal meist erst, wie es nicht geht.