Zu viel ist zu viel

Nahaufnahme von Müllhaufen mit Plastikflaschen
Foto: shutterstock.com
Immer mehr: Nach Angaben der Kommission erzeugen die Europäer jedes Jahr rund 25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle.

Es gab Zeiten, da war Plastik cool. Ein Inbegriff des Fortschritts, ein must-have des modernen Lebensstils. Leicht, robust, formbar, günstig in der Produktion – etwa seit den 1950er-Jahren sind Kunststoffe aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Seit einigen Monaten zeigt sich Plastik nun in einem anderen Licht: als rohstoffverbrauchendes Wegwerfprodukt, als unschöne Hinterlassenschaften in Städten und an Stränden, als tödliches Fischfutter. Die hohe mediale Aufmerksamkeit hat mehrere Ursachen:

Zum einen hat die Europäische Kommission Anfang dieses Jahres eine neue Strategie zum Umgang mit Kunststoffabfällen veröffentlicht, die darauf abzielt, Plastikmüll zu verringern und das Recycling zu fördern. Ziel der Strategie ist, dass ab 2030 alle Kunststoffverpackungen in der EU recyclingfähig sein sollen. Die Pläne sehen unter anderem Vorgaben an die Industrie vor, um Plastik leichter wiederverwertbar zu machen. Bis 2020 verspricht die EU-Kommission dazu 100 Millionen Euro Fördermittel zur Erforschung besserer Materialien.

Darüber hinaus soll europaweit eine sortenreinere Sammlung vorangebracht werden, um Recyclingkosten zu senken und neue Arbeitsplätze in der Sortierung und Verwertung zu schaffen. Derzeit erschwert unter anderem die Vielfalt der verwendeten Kunststoffe und deren unterschiedliche Farben ein rentables Recycling. Die Kommission schätzt, dass sich die Recyclingkosten durch neue Systeme um rund 100 Euro pro Tonne senken lassen und bis zu 200.000 neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Dies soll die Pläne auch für die Kunststoffbranche interessant machen. Sie beschäftigt EU-weit etwa 1,5 Millionen Menschen und erzielte 2015 einen Umsatz von 340 Milliarden Euro.

Der Handlungsbedarf erwächst vor allem aus der stetigen Zunahme des Plastikmülls in den vergangenen Jahrzehnten. Nach Angaben der Kommission erzeugen die Europäer jedes Jahr rund 25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, von denen weniger als 30 Prozent für das Recycling gesammelt werden. Die übrigen 70 Prozent werden verbrannt, deponiert oder landen in der Umwelt, vor allem in den Meeren. Weltweit machen Kunststoffe mittlerweile einen Anteil von 85 Prozent der Abfälle an Stränden aus. Die Konsequenzen erleidet nicht nur die Tierwelt, sondern durch die Nahrungskette auch die menschliche Gesundheit.

Ebenfalls zu Jahresbeginn stoppte China die Einfuhr von Altkunststoffen. Seitdem bleibt die EU auf einer Menge Abfall sitzen. Allein Deutschland verschiffte bisher rund 560.000 Tonnen Plastikabfälle jährlich in die Volksrepublik – knapp zehn Prozent des gesamten Kunststoffmüllaufkommens. Sie müssen nun anderweitig recycelt oder verbrannt werden.

Die Kunststoffstrategie der Europäischen Kommission sieht eine Überarbeitung des administrativen Rahmens zum Umgang mit Kunststoffen vor. Neue Regeln zur Errichtung von Abfallannahmestellen in EU-Häfen sollen sicherstellen, dass auf Schiffen anfallende oder auf See gesammelte Abfälle nicht im Wasser zurückgelassen, sondern an Land gebracht und dort ordnungsgemäß entsorgt werden. Eine erste EU-Richtlinie verpflichtet alle europäischen Häfen dazu, Sammelstellen für auf See anfallende Abfälle einzurichten. Die Verwendung von Mikroplastik, etwa in Kosmetika und Waschmitteln, soll beschränkt, ein Gesetz zum Verbot von Einweggeschirr und -besteck aus Plastik verabschiedet werden. In Brüssel wird zudem ein Vorschlag zur Revision der geltenden EU-Vorschriften für Verpackungen und Verpackungsabfälle erarbeitet. Vorgesehen sind unter anderem europaweite Recyclingvorgaben und ein standardisiertes System für die getrennte Sammlung von Abfällen.

63 Prozent
der Kunststoffverpackungen sollen ab 2022 wiederverwertbar sein.

In diesem Punkt geht Deutschland bereits voran: Im vergangenen Jahr verabschiedeten Bundestag und Bundesrat das Verpackungsgesetz, eine Weiterentwicklung der bestehenden Verpackungsverordnung. Zentrale Bestandteile sind deutlich höhere Recyclingquoten für Wertstoffe. Mussten die dualen Systeme bisher lediglich 36 Prozent der Kunststoffverpackungen wiederverwerten, soll der Anteil ab 2019 auf 58,5 Prozent steigen, ab 2022 sogar 63 Prozent betragen. Das Gesetz tritt am 1. Januar 2019 in Kraft.

Endlich, meint Herbert Snell, Geschäftsführer der Unternehmen MultiPet und Multiport, die als Tochtergesellschaften des Umweltdienstleisters Veolia auf das Recycling von PET- sowie HDPE- und PP-Verpackungsabfällen spezialisiert sind. „Quoten helfen, die Industrie voranzutreiben“, sagt Snell: „Nach dem jahrelangen Stillstand ist nun wieder Bewegung in der Recyclingbranche, es wird zunehmend investiert.“ Um die Quoten zu erfüllen, müsse sich jedoch auch die Qualität der Sammlung verbessern. „Im Moment landen 20 bis 40 Prozent Restabfall in der gelben Tonne“, erklärt Herbert Snell. Verbraucher müssten deshalb intensiv über die sachgemäße Abfalltrennung aufgeklärt werden. Zusätzlich seien Anreize nötig, um die Nachfrage nach Recyclingmaterial zu steigern.

Dennoch kritisiert der Recyclingunternehmer die Europäische Plastikstrategie: „Sie verfolgt keinen ganzheitlichen Ansatz.“ Die Vorgabe, alle Kunststoffverpackungen zu recyceln, sei schwierig bis unmöglich zu erfüllen, wenn man die Verbrennung ausschließe. Zudem sei die Ökobilanz von Ersatzmaterialien häufig sogar schlechter. Herbert Snell warnt davor, ein allgemeines Plastik-Bashing zu betreiben. „Kunststoffe haben fantastische Eigenschaften, die uns zum Beispiel in der Lebensmittelverpackung zugutekommen.“ Wo sie unnötig sind, seien sie zu vermeiden – wo sie einen wichtigen Zweck erfüllen, anschließend fachgerecht zu recyceln.