„Zuhören und studieren“

Foto: VfL Wolfsburg GmbH

Wie haben Sie sich 1993 gefühlt, als einer der ersten und wenigen Ausländer in der neu gegründeten japanischen Fußballliga?
Ich wusste viel über Fußball und wollte all mein Wissen weitergeben. Die Japaner waren sehr wissensdurstig. Zuerst dachte ich zwar, sie wollen mich verulken, weil sie so viele einfache Fragen gestellt haben, die für mich so selbstverständlich schienen. Aber sie waren wirklich an allen Details interessiert und haben das Gehörte sehr schnell umgesetzt.

Was haben Sie daraus gelernt?
Man denkt immer, man macht alles, was man tut, perfekt. Aber man kann überall noch dazulernen, zum Beispiel, wie ich womit umgehe, welche Strategie ich anwende. Es geht in einem Team darum, sich unterzuordnen: mein Wissen einzubringen, ohne glänzen zu wollen. Um Respekt untereinander.

Sie haben Fußballmannschaften in Japan, Australien, Deutschland, dem Iran und Liechtenstein trainiert. Wie viele unterschiedliche Nationalitäten waren darunter?
Das ist beinahe unmöglich zu zählen, aber 30 bis 40 werden es gewesen sein. Besonders spannend wird es, wenn man in einem Land mit einer ganz anderen Kultur arbeitet, zum Beispiel eben Japan oder dem Iran. Man muss sich mit der Kultur und den Menschen beschäftigen, sonst bleibt man auf der Strecke.

Selbst im nahen Liechtenstein habe ich gemerkt, wie unterschiedlich Nationalitäten sein können: Meine Mannschaft bestand aus acht Deutschen, acht Schweizern und acht Liechtensteinern. Die Liechtensteiner reagierten auf Ansprachen sehr ruhig, die Schweizer nahmen jede Formulierung sehr genau, und die Deutschen meinten, das alles schon zu wissen und den anderen Fußball beibringen zu wollen.

 Wie haben Sie es geschafft, aus dieser Vielfalt ein Ganzes zu machen? Ein Team, eine Einheit, die gemeinsam für dasselbe Ziel kämpft?
Beim Teambuilding geht es sehr viel ums Zuhören, um viele Einzelgespräche. Ich muss die Charaktere studieren: Wer ist Alphatier, wer Mitläufer, wer ist ruhig, wer stellt sich gern in den Vordergrund? Einen Zurückhaltenden stelle ich dann vor der Gruppe auch mal heraus, einen anderen zügele ich.

Was davon ist auf Teams außerhalb der Fußball-Welt übertragbar?
Teamleiter müssen die Wertigkeit jedes Einzelnen als Teil der Gruppe herausstellen und sie sowohl dem Einzelnen als auch der Gruppe vermitteln. Führungskräften sollte klar sein, dass sie dafür Kraft und Aufwand investieren müssen und dass dies ein längerer Prozess ist. Teamleiter müssen sich dafür Zeit nehmen. Natürlich geht es in Firmen darum, Arbeitsziele zu erreichen. Aber Führungskräfte sollten sich trotzdem Freiräume dafür schaffen, diese ganz anderen Bereiche zu bearbeiten: nämlich Motivation und Aktion. Heute funktioniert es ja nicht mehr, jemanden zu sagen, was er tun soll, und wenn er es nicht tut, den Hammer herauszuholen.

Was können Personalmanager und Führungskräfte aus der Wirtschaft also von Fußballtrainern lernen?
In allen Bereichen müssen wir in der heutigen Zeit versuchen, junge Leute für ein Thema zu motivieren. Viele wechseln schon nach wenigen Jahren. Wir im Sport haben es in Sachen Teambuilding einfacher als Firmen: Wir haben die Trainingslager, in denen die Spieler ohnehin zusammen sind. Das ist unser Vorteil. Außerdem ist der Umgang insgesamt lockerer und offener, weil wir ein Hobby zum Beruf gemacht haben. Das ist in Firmen anders. Als Führungskraft sehe ich meine Leute vielleicht nur zwischen 8 und 16 Uhr. Umso wichtiger ist es, Zeiträume für Gespräche zu schaffen.

Das klingt fast ein wenig nach Beziehungsarbeit und Familie.
Ist es auch. Die Chefin von Coca-Cola weiß jedes Geburtsdatum und jeden Familienstand ihrer Mitarbeiter. Das ist wie eine große Familie. Da gibt es immer wieder keine Streitigkeiten, es gibt immer jemanden, der gerade Anerkennung braucht. Ob in der Familie, im Fußball oder in einer Firma: Es geht um Respekt, Energie, Eigenmotivation und die Wertigkeit der Menschen.